Videodreh für KLM: Berlin 25 Jahre später


[Update] Der Film ist fertig:

Streifzug durch Ost-Berlin

Derzeit bereitet uns die Zusammenarbeit mit Visit Berlin extrem viel Freude. Die Kollegen vom offiziellen Tourismus-Marketing für Berlin haben uns schon den ganzen Sommer tolle Kontakte vermittelt und Journalisten aus der ganzen Welt für Touren zu uns geschickt. Anlass ist der 25-jährige Jahrestag des Mauerfalls und unsere Zeitzeugentour. Unter Anderem waren Schreiber aus den USA, Kanada, Taiwan, China, Brasilien, Japan und eigentlich allen europäischen Ländern bei uns und haben sich die Mauer und den Rest Berlin mit dem Fahrrad erobert. DANKE!

Unser Kamerabike. Noch etwas improvisiert, aber beim nächsten Mal gibts einen echten Sitz versprochen.

Unser Kamerabike. Noch etwas improvisiert, aber beim nächsten Mal gibts einen echten Sitz versprochen.

Ab und zu gehen diese Aufträge deutlich über ein „normales“ Tourprogramm hinaus. Das ist zum Beispiel der Fall  wenn die dpa für einen Artikel eine 8-stündige Mauertour möchte oder das größte Outdoor-Magazin Chinas eine Tour durch die Sportmetropole Berlin bekommt. Natürlich machen wir so was auch für sehr erfahrene Berlinbesucher , denen wir schon mal ein 3-Tages-Programm inklusive Ausflügen ins Umland zusammenstellen. Letztlich sind es genau diese Spezialaufträge, die den Job als Tourguide immer wieder so spannend machen, die die eigene Neugier auflodern und einen die Stadt mit frischem Blick betrachten lassen.

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Blick auf den ehemaligen Eierspeicher an der Oberbaumbrücke, heute Hauptquartier von Universal. Im hintergrund erheben sich die Treptower in den Himmel, während vorne die Ubahn schleichend über den Fluss rattert.

Jüngstes Highlight in diesem Zusammenhang war eine Anfrage der Fluggesellschaft KLM bzw. einer von Ihr beauftragten Filmproduktion für deren  iFly Magazine. Jede Ausgabe (alle sechs Wochen) enthält einen kurzen Film in dem ein Ortsansässiger die Stadt zeigt, möglichst mit einem roten Faden der die Story zusammenhält. Der rote Faden, klar, war die Mauer bzw. was sich in den 25 Jahren seit deren Fall in Berlin getan hat. Ich selbst habe zwar eine West-Biografie, den Wandel Ostberlins nach 1989 aber hautnah miterlebt. Da ich damals erst 15 war, hab ich zumindest die ganz wilden Monate zwischen 1989 und ’91 nur eingeschränkt mitbekommen. So richtig den Osten für mich erobert habe ich dann nach 91. Die frühen 90er waren gleichermaßen die Phase in der ich erstmals gezielt feiern ging und Techno in Ruinen seine große Blüte erlebte. Eine gefährliche Mischung, über die ich hier lieber den Mantel des Schweigens breite…..

Nach langem Hin-und-Her, diversen Vorschlägen zu Drehorten, Dutzenden Telefonaten und Mails, um den Fahrplan und Drehgenehmigungen zu organisieren (Danke Claudi), trafen Danny, Robert und Sjoerd am 22. Juli für zwei im Endeffekt sehr lange und anstrengende Drehtage in Berlin ein. Bei Danny und Robert war schnell klar, dass sind erstens echte Profis und ein eingespieltes Team. Beides sehr nützliche Eigenschaften; gerade wenn der Gegenstand des Films nie vor einer Kamera stand.

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Blick auf die Türmchen am Frankfurter Tor/Karl-Marx-Allee

Begonnen haben wir auf dem Dach des Mühlenspeichers an der Oberbaumbrücke. Zu Mauerzeiten lag dieses Gebäude mitten im Niemandsland. Da ist es nicht verwunderlich, dass der alte Aufbau für die Winden/Fahrstühle damals als zusätzlicher Wachturm genutzt wurde. Der Blick von hier oben ist auch heute noch atemberaubend. Mir als derzeitigem Kreuzberger wurde direkt ein bißchen warm ums Herz – so lange ich nicht Richtung East-Side-Gallery schaute. <rant>Ähnlich wie der Blick von der Aussichtsplattform an der Heeresbäckerei offenbart sich aus dieser Perspektive das ganze Drama um das zugebaute Spreeufer. Schlimm genug, dass ehemalige mutmaßliche Stasi-Spitzel Luxus-Appartments in den Todesstreifen setzen, aber das wirklich JEDES EINZELNE Gebäude stinklangweilig ist, macht es wirklich schwer nicht wütend zu werden.  Wie kann man es in der selbsternannten Hauptstadt der Kreativen zulassen, dass in einer der interessantesten und wichtigsten Zonen Berlins, derart belanglose Schuhkartons hingesetzt werden? </rant> Die oberen Etagen des Mühlenspeichers werden übrigens derzeit von den Betreibern des Private Roof Club am Rosenthaler ausgebaut. Künftig könnt Ihr die Location also auch mieten und selbst diese wunderbare Atmosphäre am inoffiziellen Wahrzeichen Kreuzbergs und Friedrichshain genießen. Danke Robert, dass wir Deine Terasse einweihen durften.

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Zimmer im Osten: Detail mit Spiegel und Mustertapete.

Das Ostel habe ich bisher in die Ecke Disney-Ostalgie und die Ecke „Es war ja nicht Alles schlecht“ einsortiert. Nachdem ich in Guido einen der beiden Gründer kennengelernt habe, war es an der Zeit mal wieder ein Vorurteil über Bord zu werfen. Guido war mal Artist im Staatszirkus der DDR. Bei einem seiner regelmäßigen „Wandertage“ mit seinem Freund und ehemaligen Kollegen Daniel sind die beiden über ein altes Ferienheim der FDJ gestolpert. Nach eigener Aussage nicht mehr 100%ig nüchtern, waren Beide nicht nur begeistert, sondern überrascht darüber wie bunt und farbenfroh die DDR doch war. In seiner Erinnerung – und wahrscheinlich der von Millionen Anderen – war der Osten irgendwie immer nur grau; graue Häuser, graue Menschen, jede Menge Kohlenrauch aus den Ofenheizungen und auch die Fotos waren hauptsächlich schwarz/weiß. Erst durch diesen Zufallsfund im Wald, erinnerten sich die beiden.

Der Entschluss, Ost-Design wieder erlebbar zu machen und daraus ein Geschäft zu machen, war schnell gefällt. Bereits kurze Zeit später wurden die ersten Zimmer eingerichtet und aus dieser klassischen Schnapsidee wurde ein erfolgreiches Business. Mittlerweile sind gleich am Ostbahnhof Dutzende Zimmer und Wohnungen ab 30€ pro Nacht zu buchen. Jedes einzelne liebevoll mit original Möbeln, Deko und Radios ausgerüstet. Nach eigener Aussage am Schwierigsten und Teuersten zu beschaffen, waren die Tapeten. Den Frust 50€ für eine einzelne Rolle Mustertapete auf den Tisch zu legen, die einem dann beim Ankleben zerbröselt, kann ich mir nur schwer vorstellen. Natürlich wird für einen Großteil des hauptsächlich internationalen Publikum der Grusel vor der Piefigkeit eine Hauptmotivation sein, die sich eben auch in der GEstaltung von Alltagsgegenständen niederschlug. Aber mal ganz ehrlich, bis auf wenige – meist sehr teure – Ausnahmen war Industriedesign auch im Westen meilenweit von unserem heutigen Anspruch entfernt. Allerdings waren die Produktzyklen im Osten deutlich länger, so dass oft auch Dinge aus der zweiten Hälfte der 80er aussahen wie Baujahr 1974. Nichtsdetotrotz; wenn Ihr mal Lust habt ein paar Nächte in einem wirklich außergewöhnlichem Ho(s)tel zu verbringen ohne gleich die Rente zu verprassen, solltet Ihr das Ostel definitiv in Betracht ziehen.

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Die Fassade des Café Moskau mit einer Replika des Sputnik-Satelliten; ein Geschenk des sowjetischen Botschafters zur Eröffnung.

Gedreht haben wir auch an der Karl-Marx-Allee mit dem Café Moskau und den letzten Neon-Reklamen der DDR, für mich ein Ort der mich jedesmal wieder beeindruckt in seiner Grandiosität, seinem Anspruch durch Architektur Menschen zu verändern und die eigene Herrschaft sichtbar zu machen. Tatsächlich ist die Straße derart typisch für „sozialistische Architektur“ dass sie in dem Film „The Bourne Supremacy“ sogar die Rolle Moskaus übernehmen musste. Symbolträchtig auch, weil hier der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 heftig tobte und teils seinen Ausgang fand. Dessen Niederschlagung durch sowjetische Truppen hatte vielen in der DDR und dem Westen klar gemacht welches Regime sich da entwickelte und das dieses mit Demokratie nicht allzuviel zu tun haben würde. (Unsere Tour „Osten Ungeschminkt„)

Auf dem RAW-Gelände haben wir uns ebenfalls umgeschaut (wenn auch ohne Drehgenehmigung), weil es für mich einfach ein gutes Beispiel für die Freiräume ist, die der Fall der Mauer auch 25 Jahre später uns geschenkt hat. Auch wenn diese Freiräume kleiner werden und speziell in Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg nicht mehr viel vom Spielraum der 90er übrig ist, verglichen mit anderen Metropolen bietet Berlin immer noch Flächen, um seine Träume zu realisieren.

Mauerpark und die Gedenkstätte Bernauer Straße standen ebenfalls noch auf dem Programm und am Schluss gabs ganz kitschig ein Sonnenuntergangsbier auf der Modersohnbrücke.

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Sonnenuntergang auf der Modersohnbrücke mit Fernsehturm im Hintergrund.

Wirklich lustig ist es zu beobachten, wie Umstehende reagieren wenn Jemand mit professionellem Equipment – teils mit zwei Kameras – gefilmt wird. Man meint geradezu zu hören wie die Leute grübeln; „Kenn ich den? Ist der vielleicht berühmt? Sind die vom Fernsehen?“ und einem dabei unauffällige Blicke aus den Augenwinkeln zuwerfen. Komischerweise war es für mich gar nicht so schwer, halbwegs frei vor der Kamera zu sprechen, so lang niemand zuschaute. Aber von Touristen dabei beobachtet zu werden wie ich mich bemühe kompetent und sympathisch zu wirken, war ernsthaft anstrengend.  Alles in Allem zwei tolle Tage mit einem hoffentlich sehenswertem Ergebnis, auch wenn ich nicht genau weiß, ob ich mich wirklich traue mir das selbst anzuschauen. Glaube Ihr müsst mir dann einfach sagen, wie es ist.

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Viel Spaß mit dem restlichen Sommer und denkt dran:

Ride Safe!

Sascha

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