Radtour: Berliner Industriekultur


Fahrradtour: Industriekultur rund um Berlin’s Mitte

Für einen Veranstalter von Berlin Fahrradtouren dürfte es wenig überraschend sein, dass man sich die Welt auch in der Freizeit auf zwei Rädern erfährt, dass man sich dazu einen Montagmorgen im Januar aussucht schon eher. Allerdings waren Martin und ich in 2019 so selten unterwegs, dass wir dem Schreibtischkoller mal was entgegensetzen mussten. Den Berliner Wettergöttern gefiel’s und belohnten uns mit strahlendem Sonnenschein, als wir uns bewaffnet mit dem Flyer des Zentrums für Industriekultur am Pfefferberg getroffen haben.

Pfefferberg Brauerei

Genau wie unser Hauptquartier einen Katzensprung weiter nördlich, die Kulturbrauerei, ist der Pfefferberg um die vorletzte Jahrhundertwende entstanden. Die Gegend eignete sich besonders gut zur Produktion im industriellen Maßstab, da sich hier eine der wenigen natürlichen Erhebungen im Stadtgebiet fand. Bevor sich die Kühlanlagen des Carl Linde, ein Unternehmen, das es bis heute gibt, flächendeckend durchsetzten, war die einzige Möglichkeit, im Sommer das Bier bei kontrollierten Temperaturen reifen zu lassen, tiefe Keller zu graben und diese mit im Winter geschlagenen Eis zu kühlen. In der eigentlichen Berliner Innenstadt jedoch ist der Grundwasserspiegel so nah an der Oberfläche, dass sich keine unterirdischen Gewölbe bauen ließen, zumindest nicht mit vertretbarem Aufwand. Bis heute zeugen die blauen und pinken Röhren die das Wasser aus den zahlreichen Baustellen in die Spree leiten von diesem Umstand. Der Pfefferberg heute ist einer jener Plätze wo sich Berliner und ihre Gäste ungezwungen näher kommen. Neben einem Braugasthaus mit wunderschönem Biergarten, der auf einer Terrasse über der Straße thront, einem Theater und einem Hostel, laden eine Galerie und ein kleines Museum für Architekturzeichnung dazu ein, sich auch intellektuell zu stärken.  

Die Kulturbrauerei, den eigentlich nächsten Stop auf der Route lassen wir aus, das kennen wir und ihr zur Genüge, stattdessen ein Foto-Klassiker:

Die Berliner U-Bahnlinie U2 verlässt kurz vor dem Bahnhof Eberswalder Straße den Untergrund.

Die U2 taucht auf. Kurz vor dem Bahnhof Eberswalder Straße verlässt die U-Bahn den Untergrund, um wenig später als Hochbahn – dem sogenannten Magistratsschirm – weiter zu fahren.

Umspannwerk Humboldt

Die Jugenstil-Villa Groterjahn gegenüber vom Jahn-Sportpark lassen wir ebenfalls aus und setzen unsere Radtour fort bis zum ehemaligen Umspannwerk Humboldt an der Kopenhagener Straße, im Gleimviertel des Prenzlauer Bergs. Als eines von insgesamt 18 derartigen Einrichtungen war es Teil der zweiten Elektrifizierungswelle in der zweiten Hälfte der 20er Jahre. Speziell dieses Werk war dafür zuständig, den Strom soweit abzuspannen, dass Industrie und Bahn ihn nutzen konnten. Auffällig ist, wie sehr der Bau aus seiner Umgebung heraus sticht. Auch wenn unmittelbar hinter dem Werk die S-Bahngleise liegen, ist das eigentliche Umfeld von Wohnhäusern geprägt. Aber auch im Vergleich mit Anlagen ähnlicher Funktion ist die Architektur deutlich aufwendiger. Zwar sind die Fassaden durchgehend schlicht in dunklen Ziegeln gestaltet aber die Gesamtform ist dennoch etwas besonderes und wirkt insgesamt eher wie eine Basilika oder spätmittelalterliche Festungsanlage mit ihren Spitzbögen und dem Rundturm im Zentrum, für die angeblich die Marienburg des deutschen Ordens als Vorbild diente. Nach dem einige Jahre Zalando hier Quartier aufgeschlagen hatte, haben vor einiger Zeit die Mitarbeiter von Get-Your-Guide die Räume bezogen und verbinden so Vergangenheit mit Zukunft. 

Tordurchgang am ehemaligen Umspannwerk Humboldt in Berlin, Prenzlauer Berg

Das ehemalige Umspannwerk fällt auch im Rahmen dieser Radtour etwas aus dem Rahmen wegen seiner Gestaltung die viel mehr an eine alte Ritterburg erinnert als moderne Industriekultur.

AEG im Gesundbrunnen

Das AEG-Gelände am Humboldthain gehört bis heute zu den größten Industrie-Denkmälern Berlins. Im Laufe weniger Jahrzehnte entstand hier eine Stadt in der Stadt für Tausende Arbeiter.  Das Beamtentor, durch das nur die hochrangigen Mitarbeiter und Besucher das Werksgelände betreten durften, steht heute etwas verloren inmitten der lieblosen 60er-Jahre Architektur an der Brunnenstraße. Ein kleines Stück weiter fällt am Rande des Geländes zunächst einmal ein modernes Gebäude auf, dessen kupferfarbene Fenster doch erheblich an den Palast der Republik erinnern. Fährt man dann noch etwas weiter öffnet sich das bis heute vielfältig genutzte Ensemble um den Blick auf die gigantischen Produktionshallen an der Hussitenstraße zu öffnen. Die Geschichte der AEG und seines Gründers Rathenau füllt ganze Bücher, anhand derer sich die Industriegeschichte der Stadt vorzüglich nachzeichnen lässt, deswegen sei an dieser Stelle nur kurz noch der erste U-Bahntunnel, der sog. AEG Versuchstunnel und der Name Franz Schwechten erwähnt. Ersterem haben wir schon mal einen Blogartikel gewidmet, letzterer ist der Architekt, der auch in der Kulturbrauerei gebaut hat und uns später ebenfalls noch einmal begegnen wird. Für die AEG im Norden hat er nicht nur das Beamtentor entworfen sondern auch die Apparatefabrik, der man ihre Repräsentationsaufgabe durchaus ansieht. 

 

Umspannwerk Scharnhorst

Ein weiteres Umspannwerk, jedoch mit ganz anderer Architektur. Während im Prenzlauer Berg Anleihen beim Festungsbau gemacht wurden, trägt der Bau des Bewag-Hausarchitekten schon expressionistische Züge, obwohl beide aus dem gleichen Material und zur gleichen Zeit entstanden sind. Direkt neben dem Gebäude fließt das Flüsschen Panke – Namensgeberin des Bezirks Pankow – über ein kleines Wehr bevor es sich in ein Becken und den Berliner-Spandauer Schiffahrtskanal ergießt. Tipp: unbedingt auch die Rückseite (Norden) anschauen, da haben wir leider kein gutes Foto.

Umspannwerk Scharnhorst spiegelt sich in der Panke

Umspannwerk Scharnhorst spiegelt sich in der Panke

 

Auch wenn wir bisher noch nicht wirklich viel geradelt sind, nutzen wir die Gelegenheit zu einer Pause in einer Bäckerei, gleich um die Ecke vom Mauer-Wachturm am Kieler Ufer. Frisch gestärkt machen wir uns auf die längste Etappe dieser insgesamt eher kurzen und entspannten Radtour durch Berlin. Wir folgen Kanal und Fluss eine ganze Weile bevor wir die Spree schließlich überqueren und die Wilhelmstraße in südlicher Richtung fahren. Ein kleiner Schlenker bringt uns in die Mauerstraße, wo eine nicht besonders gekennzeichnete Tordurchfahrt schließlich zum Gelände des sogenannten Buchhändlerhofs führt. 

Buchhändlerhof/ E-Werk

Den Älteren unter Euch könnte die Location aus der ein oder anderen verfeierten 90er-Nacht noch in Erinnerung sein, fand sich hier doch ursprünglich das E-Werk, einer der prägenden Clubs der frühen Technoszene. Bis 1997 legten hier Größen wie Kid Paul, Clé und Paul van Dyk auf – die Dubmission-Parties am Freitag sind unter Connaisseuren bis heute legendär. Thematisch irgendwie passend, ist der Hof doch gleichzeitig das älteste architektonische Zeugnis der Elektrifizierung Deutschlands. Der Altbauteil entstand schon um 1885, wobei der besonders beeindruckende Rundbau erst 1925/26 nach Plänen von Hans-Heinrich Müller errichtet wurde.  Auch die gigantische Maschinenhalle daneben ist noch erhalten und bildet heute ein bei Kongressveranstaltern beliebtes Gelände. Persönlich finde ich es noch extrem spannend, wie hier mit dem knappen Platz in der Enge innerhalb eines Wohnblocks gearbeitet wurde.

Mehr Infos gibt’s beim Flyer des Zentrums für Industriekultur

Mit den Rädern nur einen Katzensprung entfernt finden sich die kläglichen Reste des 

Anhalter Bahnhof

Ab dem Jahr der Reichsgründung 1871 wuchs das deutsche und damit das Berliner Eisenbahnsystem rasant an. Ein Grund dafür waren sicherlich die hohen Reparationszahlungen die Frankreich nach der Niederlage im letzten der bei uns sogenannten Einigungskriege zahlen musste. Am Anhalter Bahnhof befand sich zu diesem Zeitraum schon seit Jahrzehnten ein kleiner Bahnhof, der nun nach Plänen von Franz Schwechten – dem wir auch die Kulturbrauerei zu verdanken haben – durch einen repräsentativen Neubau ersetzt wurde. Nach berlintypisch langer Bauzeit wurde der Bahnhof 1880 von Kaiser Wilhelm I. und dem erklärten Eisenbahnskeptiker Bismarck eröffnet (Zitat: „Diese Eisenbahnen hemmen nur den Verkehr“). Dem König und seinen Standesgenossen des Hochadels hat man natürlich einen eigenen luxuriösen Wartebereich zugestanden, dessen Zugang man heute im Technischen Museum bewundern kann. Noch stärker als andere Bahnhöfe war der Anhalter Berlins Tor zur Welt. Von hier aus gab es Direktverbindungen nicht nur nach Österreich und Italien, sondern bis nach Athen und mit kurzem Zwischenspiel auf einem Schiff bis nach Kairo und Karthum. Zu Spitzenzeiten sollen hier alle 2 Minuten ein Zug ein- oder ausgefahren sein. Wie viele Bahnhöfe diente auch der Anhalter ab 1942 als Deportationsbahnhof, über den die Nazis Tausende in einen grauenvollen Tod in den Konzentrationslagern „verschickten“. Im Krieg wurde das Dach schwer beschädigt, dessen Reste 1948 gesprengt wurde. Was viele damals noch als Vorspiel zu einem Wiederaufbau im alten Glanz sahen, entpuppte sich schnell als Abgesang auf das einstige Schmuckstück des Berliner Eisenbahnnetzes. Long story short, bis 1959 wurde der Bahnhof abgerissen und was blieb, ist der immer noch erhaltene Fitzel des Eingangs, der dank wütender Proteste der Berliner gerettet wurde. Derzeit gibt es Überlegungen auf dem Gelände ein Museum der Migration einzurichten.

Vorbei am Museum für Verkehr und Technik und der jüngsten Berliner Parkanlage, dem wunderbaren Park am Gleisdreieck mit seinen alten Bahnhallen und seit 1975 unberührter Gleiswildnis, geht es über die Yorckbrücken in den westlichen Teil Kreuzbergs, von den Berlinern unter Bezug auf die alten Postleitzahlen meist nur „61“ genannt. Über den Viktoriapark und seinen wunderbaren Wasserfall schreiben wir sicher auch nochmal, heute jedoch lassen wir die künstliche Berglandschaft einfach rechts liegen und rollen gemütlich durch die Bergmannstraße wo sich ein Restaurant ans andere reiht und sich bis heute Einheimische und Besucher näher kommen. Am Südstern mit seiner prägnanten Kirche auf der Mittelinsel biegen wir schräg links ein (Empfehlung: im Café Freudberg gibt es extrem leckeren Kuchen). Der zumindest für uns letzte Stopp auf dieser Tour ist der sogenannte

Fichtebunker

eines jenes kuriosen Berliner Bauwerke, die im Laufe der Jahrzehnte mehrfach ihre Funktion gewechselt haben. Gebaut wurde der Bunker nämlich mitnichten als Schutzraum sondern als steinernes Gasometer, dem einzigen erhalten Bauwerk dieses speziellen Typs. Ursprünglich war die von Johann Wilhelm Schwedler  mit einer neuartig konstruierten Kuppel errichtete Anlage eines von vier Gasometern für die Versorgung der Straßenlaternen. Nachdem diese in den frühen 20er Jahren elektrifiziert wurden, stand das Gebäude erst einmal leer, bevor die Nazis hier ab 1940 einen Schutzraum für eigentlich 6.000 Menschen einrichteten. In der Praxis harrten hier oft bis zu 30.000 Menschen das Ende der Bombenangriffe aus. Heute finden sich auf dem Dach luxuriöse Eigentumswohungen für die 1-Prozenter, während der Bunker selbst immer mal wieder im Rahmen von Führungen der Berliner Unterwelten besichtigt werden kann.

Fichtebunker

Ex-Gasometer, Ex-Bunker, heute Luxuslofts in Kreuzberg: der Fichtebunker

Ein letzter Stop wäre noch das Heizkraftwerk Mitte, heute Standort des Tresor-Clubs, bevor die Route wieder zurück in den Prenzlauer Berg führt. Für uns ist aber Schluss für heute. Wir hoffen Ihr hattet ein bisschen Spaß beim Lesen und habt ein bisschen Lust bekommen, selber ein bisschen in die Geschichte der Berliner Industriekultur einzutauchen. Karten, Routen und nähere Infos bekommt Ihr hier oder Ihr schreibt uns eine Email, wenn Ihr Lust habt, das mit einem ortskundigen Guide zu machen.

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