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Im Museum: Die Liste der “Gottbegnadeten” im Deutschen Historischen Museum

Errichtung des Ehrenmals für die Opfer des 20. Juli von Richard Scheibe

Im Museum: Die Liste der “Gottbegnadeten” im Deutschen Historischen Museum

Sonderausstellung zu Künstlern des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik

Wenn sich die Blätter gelb färben und sich die Saison mit unseren täglichen Radtouren langsam dem Ende zuneigt, ist es Zeit, sich mal wieder Berlins reichhaltigem Kulturangebot zu widmen und für einen Museumsbesuch. Das Deutsche Historische Museum lädt freundlicherweise in regelmäßigen Abständen Stadtführer zu seiner “Guide Night” ein und stellt seine aktuellen Ausstellungen und das dazugehörende Programm vor.

Aktuell zeigt das Museum im Pei-Bau zwei Ausstellungen “Die Liste der ‘Gottbegnadeten’. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik” und “dokumenta. Politik und Kunst” über die Beziehungen zwischen Politik und Kunst in der Nachkriegsrepublik anhand der wichtigsten deutschen Großausstellung. Wir haben uns beide Ausstellungen angesehen, da es bei der ersteren einen gewissen Berlin-Bezug gibt, soll es aber hier nur um diese gehen.

Die Ausstellung widmet sich zum ersten Mal einer Frage der deutschen Zeit- und Kunstgeschichte, die bis dato noch nicht systematisch beleuchtet wurde, wie gingen die Karrieren der renommiertesten Künstler der NS-Zeit in der Bundesrepublik weiter? Um es schon mal für alle Ungeduldigen vorweg zu nehmen, sie gingen in einem Maße erfolgreich weiter, das kaum zu glauben ist. Die Ausstellung geht von der “Liste der Gottbegnadeten” aus, die im Gegensatz zu den Ausbürgerungslisten der Nazis, auf denen sich neben Politikern auch prominente Schriftsteller wie Bertolt Brecht oder Kurt Tucholsky fanden, wohl nur den absoluten Experten bekannt sein dürfte.

Auszug aus der Gottbegnadeten-Liste von 1944

Auszug aus der Gottbegnadeten-Liste von 1944 (Quelle: Bundesarchiv)

Die ersten vergleichbaren Listen mit Künstlern, die für das Regime als besonders wichtig galten, wurden von Goebbels und Hitler bereits zum Kriegsbeginn 1939 erstellt. Die “Gottbegnadeten-Liste” wurde in ihrem Auftrag im September 1944 zusammengestellt. Die dort aufgeführten 1041 Künstler waren für das Regime so wichtig, dass sie vom Krieg- und Arbeitseinsatz in der Rüstungsindustrie frei gestellt wurden. Die Aufnahme in die Liste war also ein außerordentliches Privileg und kann auch als Belohnung für ihren Beitrag zur Verwirklichung der nationalsozialistischen Kunstdoktrin verstanden werden.

Die Ausstellung beleuchtet die Karrieren von ausgewählten Vertretern der bildenden Künste. Zu Beginn der Ausstellung kann man in einer Nachbildung der Liste blättern und es wird kurz auf die NS-Zeit eingegangen. So wird anhand der “Großen Deutschen Kunstausstellung” gezeigt, dass Hitler bei der Auswahl der Werke wie auch bei der Liste, das letzte Wort hatte.

Hitler bei der Vorbesichtigung der "Großen Deutschen Kunstausstellung" 1939

Hitler bei der Vorbesichtigung der “Großen Deutschen Kunstausstellung” Juli 1939. Die von 1937 bis 1939 stattfindenden Propagandaschauen waren als Verkaufsausstellungen konzipiert. Hitler besaß das Vorkaufsrecht und traf die endgültige Auswahl der Werke.

Im weiteren Verlauf zeigt die Schau biografische Inseln zu 10 Künstlern darunter Arno Breker, Hermann Kaspar, Willy Meller und Werner Peiner, die sich vor allem auf ihre Nachkriegskarrieren fokussieren. Unsere Guidin bemerkt dabei freimütig, dass selbst sie als Kunsthistorikerin bis auf Breker, Hitlers Lieblingsbildhauer, von den meisten Namen im Rahmen ihres Studiums und auch danach vorher noch nie gehört hatte. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Karrieren der “Gottbegnadeten” nach dem Ende des 2. Weltkriegs abrupt endeten.

Unsere Guidin erklärt uns, dass während der Entnazifierung die meisten Künstler in Stufe 4 “minder belastet” oder Stufe 5 “entlastet” eingruppiert wurden. Dies bedeutete z. B. im Falle Arno Brekers, der von Hitler ein Atelier, ein Rittergut, ein Luxus-Appartment in Paris sowie ein Jahresgehalt von 1 Million Reichsmark bekam, eine Geldstrafe von 100 Mark, einige andere, die an Akademien oder Hochschulen unterrichteten, legten eine kurze Pause ein und bekamen ihre Posten nach wenigen Monaten zurück.

Während die Künstler zum Teil im Ausstellungsbetrieb der Nachkriegszeit kaum noch vorkamen, war ihr Auskommen auch durch während der Nazi-Zeit geknüpfte Netzwerke gesichert. Der Kurator Wolfgang Brauneis schätzt, dass Breker und Peiner Mitte der 60-er jeweils monetär der erfolgreichste Bildhauer bzw. Maler waren. Dies lag vor allem an zahlreichen Aufträgen vom Staat und aus der Wirtschaft, wobei sich öffentliche Auftraggeber an den “Bildhauer des Führers” Breker kaum herantrauten.

Nachbildung von Pallas Athene von Arno Breker im Deutschen Historischen Museum

Ausnahmen gab es aber doch. “Pallas Athene” von Arno Breker im Deutschen Historischen Museum. Die Statue entstand 1953 nach einem beschränkten Wettbewerb.

"Pallas Athene" am Originalstandort vor dem Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal

“Pallas Athene” am Originalstandort vor dem Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal. 2003 wurde die Statue vom Sockel gestürzt und beschädigt. Die Schule entschied sich nach langen Diskussionen die Statue zu restaurieren und kommentiert wieder aufzustellen.

Protest gegen Arno Breker anlässlich einer Ausstellung in West-Berlin 1981

Anzeige “Protest gegen Arno Breker” anlässlich einer Ausstellung in West-Berlin 1981

Ein bemerkenswertes Beispiel für die Kontinuität im Kunstbetrieb ist ein Mosaik von Hermann Kasper im Kongresssaal des Deutschen Museums in München. Es handelte sich um den ersten großen Kunst-am-Bau-Auftrag der Nazis und beförderte Kaspars weitere Karriere. Dieser begann das monumentale, 130 Meter lange Mosaik im Auftrag Goebbels 1934, 1947 durfte er die unterbrochenen Arbeiten fortsetzen und 1955 fertig stellen. In der Zwischenzeit hatte Kaspar Innenausstattungen des Reichsparteitaggeländes zu verantworten, die großen Umzüge der Nationalsozialisten optisch gestaltet, sowie Mosaiken, Fresken und Fußböden in der Neuen Reichskanzlei. Kaspar verlor seine Stelle als Professor an der Münchner Akademie der Künste nach dem Krieg, wurde aber 1957 wieder eingestellt. Nach dem Krieg gestaltete er u. a. noch die Fassade des Kulturreferats München und die Decke des Hofbräuhauses. Die Ausstellung zeigt aber auch, dass Kaspar noch zu Lebzeiten kontrovers betrachtet wurde und seine Rolle in der Nazizeit z. B. in der Ausstellung “Der Fall Hermann Kaspar” vom AStA seiner eigenen Akademie öffentlich gemacht wurde.

Enthüllung von Hermann Kaspars "Die Frau Musica" in der Meistersingerhalle in Nürnberg 1970

Enthüllung von Hermann Kaspars “Die Frau Musica” in der Meistersingerhalle in Nürnberg 1970 (Quelle: Stadtarchiv Nürnberg) Bei der Übergabe des Gobelins kam es bereits zu vereinzelten Protesten in der Presse wegen Kaspars Vergangenheit. Der Gobelin ist ebenfalls im DHM zu sehen.

Deckengemälde von Hermann Kaspar im Hofbräuhaus München

Deckengemälde von Hermann Kaspar im Hofbräuhaus München von 1965 (Foto: DHM / Eric Tschernow, 2020

Das letzte Werk eines “Gottbegnadeten”, das ich hier erwähnen möchte, steht in Berlin und dürften einige von euch kennen. Es handelt sich um das “Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944” im Bendler-Block, der heutigen Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Die 2,4 Meter hohe Bronze von 1953 zeigt einen gefesselten, unbekleideten jungen Mann und wurde vom Berliner Senat in Auftrag gegeben, um der 4 am gescheiterten Attentat auf Hitler Beteiligten zu gedenken, die im Bendler-Block noch in derselben Nacht hingerichtet wurden. Nachdem der Bildhauer und Leiter der Städel-Schule in Frankfurt Richard Scheibe zunächst nach der Machtergreifung der Nazis entlassen wurde, kam er nach seiner Wiedereinstellung dem “herrschenden Geschmack entgegen” und erfuhr mit seinen Werken auf den “Großen Deutschen Kunstausstellungen” einige Erfolge. Die Geschichte des Denkmals und Richard Scheibes wurde in einer Ausstellung im Bendler-Block thematisiert.

Errichtung des Ehrenmals für die Opfer des 20. Juli von Richard Scheibe

Im Jahr 1953 wurde das “Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944” im Hof des Bendler-Blocks errichtet. Das Werk stammt von Richard Scheibe, ehemals Leiter der Städel-Schule Frankfurt und auf der “Gottbegnadeten-Liste” vertreten.

Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944 von Richard Scheibe

Das “Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944” von Richard Scheibe steht weiterhin im Hof des Bendler-Blocks, wurde allerdings mittlerweile vom Sockel geholt. (Foto: DHM, Thomas Bruns, 2020)

Der letzte Raum der Ausstellung zeigt eine Übersicht von 300 Werken von Künstlern der “Gottbegnadeten-Liste”, die heute noch im öffentlichen Raum zu sehen sind, in Parks, vor Schulen, Theatern und auf öffentlichen Plätzen. Diese wurde von den Fotografen Thomas Bruns und Eric Tschernow dokumentiert und gehören zu den interessantesten Exponaten der Ausstellung, da sie zeigen, wie weit verbreitet die Werke der NS-Künstler immer noch sind. Etliche der Werke wie z. B. im Olympiapark in Berlin sind während der Nazi-Zeit entstanden (eine Radtour zum Olympiastadion findet ihr hier), viele allerdings auch danach. Eine interaktive Karte der Werke kann man sich auch online anschauen. Und wenn Ihr Euch die Werke in Berlin einmal in echt anschauen wollt, könnt Ihr Euch natürlich gerne bei uns ein Rad leihen.

Statue "Der Faustkämpfer" von Josef Thorak im Olympiapark Berlin, 1936 (Foto: DHM, Eric Tschernow, 2020)

Die Statue “Der Faustkämpfer” von Josef Thorak von 1936 steht immer noch im Olympiapark Berlin. In der Anlage, die eines der bekanntesten erhaltenen Bauten der Nazi-Zeit ist, finden sich noch etliche andere Kunstwerke (Foto: DHM, Eric Tschernow, 2020)

Blick in die Ausstellung "Die Liste der Gottbegnadeten" im DHM

Im letzten Raum werden Fotos von Kunstwerken der “Gottbegnadeten” gezeigt, die immer noch im öffentlichen Raum zu sehen sind. Einige davon auch in Berlin. (Foto: DHM, Yves Sucksdorff)

Fazit: Eine sehenswerte Ausstellung zu einem Thema, mit dem ich mich vorher noch nie beschäftigt hatte. Die große Verbreitung der Werke der NS-Künstler dürfte sicher nicht nur mich erstaunen und manche vielleicht sogar empören. Die Ausstellung lässt dabei völlig offen, was mit den erhaltenen Kunstwerken der “Gottbegnadeten” geschehen sollte. Der Kurator verweist in einem Interview auf die 3 Optionen Entfernen, Kommentieren und künstlerische Intervention, was in unserer kleinen Gruppe direkt beim Besuch schon diskutiert wurde. Der Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums ist unabhängig von den wechselnden Ausstellungen wegen seiner Architektur immer einen Besuch wert und der Eintritt jeden ersten Sonntag im Monat frei.

Die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums im Zeughaus wird grade renoviert und komplett neu überarbeitet. Die Wiedereröffnung ist für 2025 geplant. Für nächstes Jahr sind bereits Sonderausstellungen zu Karl Marx und Richard Wagner geplant und in 2022 soll eine Ausstellung unter dem Namen “Roads not taken” zu alternativen Geschichtsverläufen eröffnen, klingt auf jeden Fall interessant.

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2

Fr – Mi 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr

Eintritt: 8 €, ermäßigt 4 €, bis 18 Jahre frei

Im Foyer des Pei-Baus des Deutschen Historischen Museums

Die Architektur des Pei-Baus des Deutschen Historischen Museums allein lohnt schon den Besuch.

 

  • FÜR GESCHICHTSINTERESSIERTE!
Ab 29

Sie stand 28 Jahre, die Berliner Mauer. Und wurde immer weiter ausgebaut, bis ein Entkommen über die Sperranlagen fast unmöglich war. Eine Zeitreise in den „Kalten Krieg“. Mit oft unglaublichen Geschichten, von waghalsigen Tunnelfluchten bis…

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