Die schwarzen Katzen der DDR


Am Montag vergangener Woche haben wir uns wie jedes Jahr getroffen, um gemeinsam zu feiern und auf eine erfolgreiche Sommer-Saison anzustoßen. Während das meiste Bildmaterial nicht wirklich geeignet ist unser Image als verantwortungsvolle Bürger zu stärken, hat der Chef uns mit einem seiner wunderbaren Texte beglückt, den wir hier mit großem Vergnügen teilen.

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Die schwarzen Katzen der DDR

Nach dem 2. Weltkrieg wurden auf dem Gebiet der DDR Gutshöfe aufgelöst, die meist adligen Großgrundbesitzer enteignet, das Land parzelliert und an einfache Bauern übertragen: Das ganze geschah mit einigem propagandistischen Aufwand: „Junkerland in Bauernhand“. Doch schon bald kam aus der Sowjetunion die Direktive, der private Landbesitz sollte nach dem Vorbild der Kolchosen wieder kollektiviert werden, die frischgebackenen Bauern auf eigener Scholle wurden dazu gebracht, den neu gegründeten LPGs beizutreten – und waren damit faktisch wieder Landarbeiter. Das wirkte sich natürlich äußerst negativ auf die Motivation und die Produktivität aus. Die Versorgungslage in den Städten war schlecht, insbesondere vor den Fleischereien bildeten sich lange Schlangen.
Wiederholt diskutierte das höchste Gremium der DDR, das Politbüro, über Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungslage.  Am 23.9.1958 wurde folgender Tagesordnungspunkt aufgerufen:

Verarbeitung von Fleisch und Fisch aus volkseigener Produktion zu Hunde- und Katzenfutter.
Zunächst ergriff der Vorsitzende der Plankommission, Hermann Matern, das Wort: „Genossen, wir müssen überlegen, ob wir uns das in der gegenwärtigen Situation leisten können, die bessere Versorgung der Werktätigen muss klare Priorität haben, Haustierhaltung ist ein Einzelinteresse, das gegenüber dem Allgemeininteresse zurückstehen muss.“

„Du meinst, Haustiere verbieten, Genosse Matern?“ fragte Willi Stoph.

ZK-Sekretär Erich Mückenberger gab folgendes zu bedenken: „Mit einem solchen Verbot werden wir uns keine Freunde machen, die Menschen sind nun mal tierlieb und die Stimmung in unsrer Republik ist schon schlecht genug.“

Darauf Hermann Matern, der Vorsitzende der Plankommission: „Das betrifft ja nur eine Minderheit, ich lese Ihnen mal aus der Eingabe einer Bürgerin vor:
„Immer wieder muss ich nach dem ohnehin rationierten Fleisch zwei oder drei Stunden anstehen und oft genug ist die Ware ausverkauft, bevor ich an der Reihe bin. Gleichzeitig sehe ich wie Hunde- und Katzenbesitzer in den dafür vorgesehen Spezialgeschäften ohne nennenswerte Wartezeit Fleisch und Fisch beziehen. Eine Nachbarin von mir hat die für Tiere gedachten Produkte getestet und festgestellt, dass Sie qualitativ kaum schlechter sind, als die Angebote der Fleischereien. Es kann doch nicht sein, dass ich für meine Familie Katzenfutter kaufen muss, um wenigstens einmal die Woche Fleisch auf den Tisch zu bringen. So etwas steht dem Sozialismus nicht gut zu Gesicht, so etwas würde ich nur im Kapitalismus vermuten!“.

Matern schaute herausfordernd in die Runde: „Und außerdem haben Hundehalter weniger Zeit für freiwillige Arbeitseinsätze, Subbotniks, oder entziehen sich gemeinsamen Aktivitäten des Kollektivs, weil sie nach Feierabend mit dem Hund Gassi gehen, Haustiere schaden den sozialistischen Ideen.
„Das würde ich so nicht sehen“, entgegnete Genosse Mückenberger, „gerade Kinder lernen durch ein Haustier Verantwortung zu übernehmen und werden an die Pflicht herangeführt, die immer wieder gleichen Dinge mit Freude zu tun, das sind überaus wichtige Werte in unserer Republik. Meine Tochter hat ein Meerschweinchen, das sie täglich füttert und abgöttisch liebt.“
Walter Ulbricht: „Was frisst denn so ein Meerschwein?“
„Nur Gras und Grünzeug, meine Tochter pflückt das auf der Wiese.“, antwortete Mückenberger.
Erich Honecker: „Wenn große fleischfressende Haustiere wie Hunde und Katzen dem Sozialismus schaden, und pflanzenfressende Kleintiere dem Sozialismus nutzen, so sollte man erstere verbieten und im Gegenzug Tiere wie Hamster oder Meerschweinchen fördern.“
Die Runde schaute beeindruckt, schon mehrmals hatte der neu ins Politbüro gewählte Genosse Honecker mit weisen Vorschlägen überrascht und nicht wenige sahen in ihm einen möglichen Nachfolger des Vorsitzenden Walter Ulbricht.
Willi Stoph fragte noch: „Kommen dann auch Mäuse als Haustiere in Frage?“
„Nein, Mäuse sind Feinde des Ernteerfolgs“, entgegnete Ulbricht barsch“, es kann nicht sein, dass durch die Hintertür der Kinderzimmer ein positives Bild der Mäuse entsteht. Und außerdem sind Mäuse viel zu dicht dran an dieser Figur des Klassenfeinds, dieser ..der äh…Micky-Maus.“

Schon wenig später trat eine entsprechende Regelung in Kraft: Es wurde kein explizites Verbot für Hunde- und Katzenhaltung ausgesprochen, aber eine Genehmigungspflicht eingeführt, hier ein Auszug: „Ausgenommen von der Genehmigungspflicht sind Lawinenspür- und Blindenführhunde, sowie alle Hunde im Dienste der Grenztruppen und der Volksarmee und Volkspolizei. Desweiteren sind Katzen im ländlichen Raum genehmigungsfrei, da sie sich dort selbst versorgen und den Schädling Maus vertilgen.“
In der Praxis war eine Haustierhaltungs-Genehmigung kaum zu bekommen. Tierärzte wurden angewiesen, kostenlos einzuschläfern, wer das vor einem bestimmten Stichtag tat, erhielt eine Prämie.
Viele Tierfreunde wollten ihre Lieblinge nicht einschläfern lassen, über die offenen Grenzen Berlins wurde Tausende von Hunden und Katzen in den Westen gebracht. Das Tierheim Lankwitz eröffnete deswegen 1959 einen Anbau, um die vielen Ost-Hunde noch aufnehmen zu können. Etliche Familien nahmen das De-Facto Haustierverbot zum Anlass, gleich gemeinsam mit ihrem Fiffi über das Schlupfloch Berlin in den Westen auszureisen.
Anfang der 60er Jahre sah man nur noch wenige, sehr alte Hunde auf den Straßen der DDR. Entsprechend der Beschlüsse des Politbüros wurde die für die Kleintierzucht zuständigen LPGs beauftragt, rechtzeitig zum Weihnachtsfest 1959 250.000 junge Meerschweinchen und Hamster zu produzieren. In den DDR-Illustrierten erschienen Artikel über die positive erzieherische Wirkung vom Hamstern und Meerschweinchen, es wurde darauf hingewiesen, dass Geschenkverpackungen, die ein lebendes Kleintier enthielten, Luftlöcher haben sollten und das Sandmännchen bekam kurzzeitig sogar einen Zeichentrick-Hamster namens Goldi als Gefährten. Und tatsächlich wurden Weihnachten 1959 fast zwanzigmal so viele Goldhamster und Meerschweinchen verschenkt, wie im Vorjahr. Und es hätten doppelt so viele sein können. Die Kinder kamen mit der neuen Kleintierregelung gut zurecht, aber vielen Erwachsenen fehlte ein „richtiges“ Haustier, das anhänglich war, über eine Seele und Persönlichkeit verfügte.
Hunde ohne Genehmigung zu halten kam aber definitiv nicht in Frage, wie sollte man jeden Tag heimlich Gassi gehen? Eine Katze dagegen wäre durchaus bereit, ihr ganzes Katzenleben in einer Zwei-Raum-Wohnung zu verbringen. Und auf dem Land gab es ja noch Katzen, die sich dort unbeschwert vermehrten. Hauptproblem war, wie man ein Katzenbaby ungesehen vom Land in die Stadt brachte, Bahn und Bus schieden dabei aus, wollte man nicht riskieren, vom Schaffner, der Bahnpolizei oder einfach von Mitreisenden angezeigt zu werden.
Wie in vielen Bereichen der DDR entstand auch hier eine Schattenwirtschaft. Wer einen Trabi und gute Beziehungen sowohl zu Bauern als auch zu tierliebenden Städtern hatte, betätigte sich als Katzenschleuser. Und das war lukrativ. Für 5 junge Katzen erhielt ein Dorfbewohner 100 Mark, in der Stadt wurden die Miezen für 200 Mark das Stück frei Haus geliefert. Eine einzige Fuhre Katzen brachte damit 900 Mark, weit mehr als ein Arzt im ganzen Monat verdiente. 1961 stand das Thema Haustiere wieder auf der Tagesordnung des Politbüro, diesmal unter dem Punkt „Erfolgskontrolle der Verbesserung der Versorgungslage durch Einführung einer Genehmigungspflicht auf Haustiere wie Hunde und Katzen und dadurch bewirkter Bestandsreduzierung“.  Dummerweise waren die Schlangen in den Kaufhallen und vor den Fleisch – und Fischgeschäften genau so lang, wie drei Jahre zuvor.

Genosse Matern sagte: Mir ist zu Ohren gekommen, dass Bürger vermehrt verbotswidrig Katzen halten, es soll sogar organisierte Transporte junger Katzen vom Land in die Stadt geben. Und an diese Katzen wird Fleisch und Fisch aus volkseigener Produktion illegal verfüttert. Der Vorsitzende Walter Ulbricht rief daraufhin einen Stasi-Major in den Raum und fragte, ob er diese Beobachtung teilen könnte. Der Major erklärte, dass es diese illegale Katzenhaltung wohl gäbe, man hätte darin aber kein republikfeindliches Delikt gesehen, eher eine Ordnungswidrigkeit, für die die Volkspolizei zuständig wäre. Ein Satz, der ihn wenige Tage später seinen Posten kostete.

Das Politbüro war nun davon überzeugt, dass die Probleme bei der Versorgungslage der Werktätigen alleine auf die schwarz gehaltenen und schwarz gefütterten Katzen zurückzuführen wären. Die Staatsicherheit wurde angewiesen: „Neben der Erfassung und Verfolgung feindlich negativer Elemente und potentieller Republikflüchtlinge gehört das Aufspüren illegal gehaltener Wohnraum-Katzen zu den vorrangigen Aufgaben der Sicherheitsorgane.“ Die Hauptabteilung IV wurde mit der Erarbeitung eines Konzepts beauftragt, wie binnen eines Jahres sämtliche verbotswidrig gehaltenen Katzen beschlagnahmt und getötet werden sollten.

Ein einfacher Stasi-Leutnant kam dabei auf eine erfolgversprechende Idee. Die Mitarbeiter der Energieversorgungskombinate sollten beim jährlichen Ablesen der Zählerstände auch eine Begehung sämtlicher Wohnräume vornehmen. Offizielle Aufgabe wäre es dabei, die Bewohner auf Energie- und Wärmeverlust durch Zugluft durch Fensterritzen hinzuweisen. Mit einem Wattebausch ließe sich solche kalte Zugluft anschaulich nachweisen. Den Bürgern sollten sofort wirksame Maßnahmen vorgeschlagen werden, wie Stoffwürste aus Altkleidern, die jeder selbst herstellen könnte, und die auf den Fensterbänken platziert werden sollten. Eigentliche Aufgabe der Fensterinspektion wäre jedoch festzustellen, ob die Nutzer der Räume Ihre Gardinen unten und seitlich mit Reißzwecken am Fensterrahmen befestigt hätten. Dies wäre ein typisches Verhalten der Katzenbesitzer, um zu verhindern, dass die Katze beim Blick aus dem Fenster die Gardine beiseiteschiebt und so von Fremden bzw. Nachbarn gesehen werden könnte.

Der vorgesetzte Stasi-Oberst fand den Vorschlag gut, der Leutnant solle den Energiekombinaten entsprechende Anweisung geben. Doch keine Woche später sprach der Leutnant mit bedrückter Mine wieder bei seinem Vorgesetzen vor. Die Energie-Kombinate hätten mitgeteilt, dass die Maßnahme unmöglich durchgeführt werden kann, da man dafür die vierfache Zahl an Zählerablesern benötigte. Die Begehung aller Räume und die Belehrung der Bürger würde eben sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Und beim gegenwärtigen Arbeitskräftemangel wäre es ja leider undenkbar, das Personal so weit aufzustocken.

Der Stasi-Oberst hörte sich die Rede an, überlegte kurz und begann dann schallend zu lachen. „Sie sind genial, Krause, Sie sind genial, das gibt’s doch nicht, gluckste er, ääh, wir nehmen einfach eigene Leute, wenn die 75 Prozent mehr Ableser brauchen, dann nehmen wir eigene Leute…. Wenn Sie eine Frau wären, würde ich Ihnen um den Hals fallen und sie abknutschen. Er erhob sich von seinem Sessel und ging einige Schritte auf Krause zu, der einen Moment lang Angst hatte, sein Vorgesetzter würde ihn tatsächlich abküssen.
„Wissen Sie, Krause“, sagte der jetzt leise und fast verschwörerisch, „wir überlegen schon so lange, wie wir es schaffen, unsere Leute in die Privaträume der Bürger zu bekommen, ohne dass es groß auffällt, und jetzt kommen Sie und sagen, die Energiekombinate brauchen 75 Prozent Personalaufstockung bei den Zählerablesern. Natürlich machen wir das, na klar, sie sind genial, Krause.“
Den Energieversorgungskombinate wurden anforderungsgemäß die zusätzlichen Kräfte zugesagt und schon wenige Wochen später war es soweit: Die ersten hauptamtlichen Mitarbeiter der Abteilung IV lasen Zählerstände ab, führten den Wattebausch-Test durch, hatten eine Demonstrations-Stoffwurst dabei und verwickelten die Bewohner leutselig in allerlei Gespräche.
Nur Katzen wurden fast keine gefunden, und auch kaum festgetackerte Gardinen.
Aufgrund ganz anderer Maßnahmen verbesserte sich nach 1961 die Versorgungslage der Bevölkerung. Die Staatssicherheit nahm das zum Anlass, dem Politbüro Erfolge zu vermelden: „Durch den intensiven und flächendeckenden Einsatz zum Aufspüren illegal gehaltener Katzen ist es gelungen die Versorgung mit Fleisch und Fischprodukten signifikant zu verbessern. Überdies wurden im Zuge der Operation Strukturen aufgebaut, um auch in Zukunft die Interessenlagen der einzelnen Bürger und Haushalte besser zu erkennen und Fehlentwicklungen dadurch frühzeitig entgegenwirken zu können.
Übrigens: Schon Mitte der 60er Jahre gehörte die strenge Genehmigungsprozedur für Hunde und Katzen der Vergangenheit an und verschwand genauso unauffällig, wie einige Zeit zuvor Stalin aus dem Stadtbild getilgt wurde.

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