AEG Versuchstunnel


Vom 1. U-Bahntunnel Deutschlands

Im vergangenen Dezember haben wir uns zu Weiterbildungszwecken in den Berliner Untergrund begeben. Auf Einladung der sehr engagierten und mit unfassbar viel Fachwissen ausgestatteten Kollegen vom Verein Berliner Unterwelten, haben wir uns den ersten echten U-Bahntunnel Deutschlands angeschaut, den sogenannten AEG Versuchstunnel. Getroffen haben wir uns auf dem ehemaligen AEG-Gelände im Ortsteil Gesundbrunnen, das heute u.a. die Deutsche Welle und andere Medienunternehmen beherbergt. Persönlich finde ich das ja ganz passend finde, ist es doch heute die Informations- und Medienbranche, die den Takt vorgibt, ganz wie vor 120 Jahren die Eisenbahn und alles, was mit Elektrizität zu tun hatte. Das ursprünglich von AEG genutzte und bebaute Gelände ist viel größer, als es die heute noch erhaltenen Anlagen erahnen lassen. Im Grunde wurde hier in den Jahren ab 1887 ein ganzer Stadtteil zur Fabrik aus- und umgebaut. Zeitweilig arbeiteten über 10.000 Menschen in den u.a. von Schwechten und Behrens gestalteten Gebäuden. Die noch erhaltenen Strukturen strahlen, trotz aller Zweckmäßigkeit, eine zeitlose Eleganz aus, die den wenigsten zeitgenössischen Bauten zu eigen ist. Als Baustoff dienten im Wesentlichen noch die typischen roten Ziegel, denen Behrens aber eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Vieles von dem, was sich an Gestaltungsideen andeutet, wurde später – wenn auch mit anderen Materialien – zum Standard der Bauhaus-Architekten. Bis heute zieht die Maschinenhalle an der Ackerstraße Architekturstudenten aus der halben Welt an.
 
Genug der Vorgeschichte, schließlich haben sowohl über Peter Behrens, als auch die AEG und ihren Gründer Emil Rathenau, schon schlauere Menschen als ich ganze Bücher geschrieben. Bei uns hingegen soll es um die prägende Konkurrenz der Firmen Siemens und AEG, bzw. ihrer Patriarchen gehen, bzw. um den U-Bahn-Krieg von Berlin.
 

Der U-Bahn-Krieg von Berlin

Die wachsende Stadt Ende des 19. Jahrhunderts (+ 1 Million Menschen in 25 Jahren) sorgte nicht nur für einen enormen Bedarf günstiger Unterkünfte, sondern natürlich auch für schnell ansteigende Passagierzahlen im bisher nur dürftig ausgebauten Nahverkehr. Maßgeblich wurde der innerstädtische Verkehr damals noch mit Pferdebussen bestritten, auch wenn ab 1881 erste elektrische Straßenbahnen entstanden. Der weitaus größte Teil der Arbeiter dürfte damals jedoch noch zu Fuß in die Fabrik gestapft sein. Als 1890 in London die erste elektrisch betriebene Untergrundbahn der Welt eingeweiht wurde, ist auch die Berliner Verwaltung neugierig geworden und man bat die beiden Konzerne AEG und Siemens & Halske um Angebote und Konzepte. Der Streit zwischen beiden Unternehmen schwelte damals schon seit einiger Zeit. Entzündet hatte sich dieser an gemeinsam genutzten Patenten. In wie viele Rechtsstreitigkeiten sich die beiden Kontrahenten gegenseitig verwickelten, lässt sich heute für einen Laien ohne ausführliches Studium nicht mehr nachvollziehen. Da das hier aber keine Doktorarbeit werden soll, reicht an dieser Stelle die Vorstellung zweier ganz unterschiedlicher Unternehmen, die auf die vielen Feldern miteinander im Wettbewerb standen. Nun kam also ein neues Feld hinzu, der Transport der Berliner durch den Untergrund.
Siemens setzte hier ganz pragmatisch auf eine sogenannte Unterpflasterbahn, bei der die U-Bahntunnel von der Straße aus ausgehoben wurden. Es sollte also erst die Straße aufgerissen und eine Grube ausgehoben werden, anschließend in diese Grube ein Tunnel mit quadratischem bzw. rechteckigem Querschnitt gebaut, mit einer Decke versehen und anschließend wieder zugeschüttet werden. Oben hat man dann einfach das Pflaster wieder verlegt und fertig. Das war relativ günstig und schnell, bedeutete aber natürlich, dass die Straße in dieser Zeit nicht genutzt werden konnte und es war unmöglich, Flüsse und Kanäle zu unterqueren. Der von AEG favorisierte Schildvortrieb aus dem Bergbau hingegen, buddelte sich von einer Einstiegsstelle selbstständig in und durch den Untergrund. Das war natürlich zunächst sehr viel teurer. Die Stadt entschloss sich daher, die erste U-Bahnlinie weitgehend als Hochbahn auszuführen. Ab 1902 konnte man mit dieser Bahn, die in Teilen der heutigen U1 entspricht, von der Warschauer Straße bis nach Charlottenburg fahren. Als echte U-Bahnhöfe wurden zunächst nur der Potsdamer Platz, Zoo, Wittenbergplatz und Knie (heute Ernst-Reuter-Platz) ausgeführt. Es schien also, als hätte Siemens diesen Wettbewerb gewonnen, wäre da nicht der Versuchstunnel.

 

Versuchstunnel und erste Spree-Unterquerung in Stralau

Die Auszeichnung für die erste echte Untergrundbahn konnte sich nämlich doch die AEG ans Revers heften, wenn auch nur als Firmenbahn. In den Jahren 1895-97 baute das Unternehmen eine knapp 300m lange, elektrisch betriebene Versuchs- und Teststrecke, die die Apparatefabrik in der Ackerstraße mit dem weitläufigen Gelände im Norden an der Voltastraße/Brunnenstraße und damit mit dem regulären Eisenbahnnetz verband. Eine weitere Teststrecke wurde ab 1895 unter der Spree in Stralau gebaut, Bedingung für die Baugenehmigung war hier die Nutzbarkeit durch die Straßenbahn. Und so ist auch die erste öffentlich zu nutzende Untergrundbahnstrecke in Berlin von der AEG gebaut worden, auch wenn hier noch andere Züge verkehrten.
Wie wirtschaftlich das Ganze war, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Als „proof-of-concept“ jedoch hatten die Tunnel einen unschätzbaren Wert und zeigten auf eindrucksvolle Weise die Leistungsfähigkeit des Konzerns.
 
Seit 2016 hat der Verein Berliner Unterwelten den lange nicht zugänglichen Versuchstunnel wieder geöffnet, Gleise freigelegt und instand gesetzt. Daneben ist eine wichtige Aufgabe der Unterwelten auch die Forschung bzw. Dokumentation und das merkt man den Führungen und Vorträgen auch an. Alle von mir/uns bisher erlebten Führungen waren extrem interessant und die Guides sind in der Regel so tief in der ja doch recht speziellen Materie, dass selbst wir es nicht geschafft haben, sie in Verlegenheit zu bringen (OK, außer Björn, aber der zählt nicht ;-)). Speziell die vielen kleinen Anekdoten rund um das Gelände, den Gesundbrunnen-Kiez und die AEG, die sich in keinem Wikipedia-Artikel finden, bieten einen wunderbaren Einblick in die Zeit, da Berlin das Epizentrum technischen Fortschritts weltweit war. Und da von den Eintrittsgeldern nicht nur die Guides entlohnt werden müssen, sondern auch der Erhalt der Anlagen bestritten wird, gehen 12 € (zzgl. VVK) für eine 90-minütige Führung auch mehr als in Ordnung. Öffentliche Touren finden jeweils Samstag um 11 und 13 Uhr statt. Hier findet Ihr ausführliche Infos, Termine und eine Bestellmöglichkeit für die AEG-Versuchstunneltour der Berliner Unterwelten.

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