Wal, Amöbe, Gladiatoren-Helm? Der Gehry-Bau der DZ-Bank am Pariser Platz


Der vorliegende Text ist ein Gastbeitrag von André Franke, nicht nur ein geschätzter Kollege und „Erfinder“ unserer Radtour „Zukunft Berlin„, sondern auch studierter Stadtplaner und Betreiber des Blogs futurberlin.de. Bedanken möchten wir uns auch noch mal bei den Kollegen Matthias P und Alex, die den Termin für uns organisiert haben. Fotos sind wie fast immer von Sascha.

Bildergalerie DZ-Bank von Gehry (nicht nur) für die Lesefaulen (25 Fotos)

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Rätselraten mit dem Regionaldirektor

Es war nicht der Hausmeister, der um die Ecke kam, sondern der Regionaldirektor. Wir, die BOB-Guides, hatten uns Anfang September im Foyer der DZ-Bank versammelt und eine Hausführung gebucht. Das Gebäude am Pariser Platz ist ja für seine spektakuläre Innenarchitektur bekannt, ein Werk von Frank O. Gehry. Erklären kann man sie nicht. Oder etwa doch?

Peter Gudat, der als Banker einen Anzug trägt, nimmt uns mit hinaus vor den Eingang. Für ihn ist die DZ-Bank das gelungenste Gebäude am Pariser Platz. Die Fassade nimmt die Proportionen und die Farbe des Brandenburger Tores auf. Die Kalksteinplatten sind massiv und 18 Zentimeter dick. Eine Vorhangfassade ist das nicht und deshalb eine Seltenheit in Berlin. Er schwärmt zurecht und führt uns wieder ins Gebäude.

Totale des Innenraums der DZ-Bank von Gehry am Platz

Totale des Innenraums der DZ-Bank von Gehry am Platz

Im ersten Stock betreten wir das Büro des Vorstandsvorsitzenden. Die Fenster zum Pariser Platz sind rahmenlos, raumhoch. Jemand hat sie so gut geputzt, dass wir das Glas kaum erkennen. Herr Gudat drückt einen Knopf, und das Fenster öffnet sich langsam. Jede Glasscheibe wiegt eine Tonne. Schweizer Ingenieure entwickelten die spezielle Gleitmechanik. Von Hand geht hier gar nichts. Draußen auf dem Balkon stehend, fühlt sich der Pariser Platz wie ein Wohnzimmer an. Unter Guides kommt man da schnell auf historische Gedanken, und wir erlauben uns ein erneutes Ausrufen der deutschen Republik. “Der Kaiser hat abgedankt …” Vorstandsvorsitzender müsste man sein.

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Im Atrium gehen wir über Glasfußböden. Sie finden sich in allen Etagen und sind durch Sandstrahlung intransparent gemacht. Daher sehen sie aus wie Milchglas. Herr Gudat erzählt, dass das auf Anregung der Frauenbeauftragten so gekommen sei. In dem Buch DZ BANK AG Pariser Platz (siehe Buchinfo unten), auf das auch Herr Gudat im Laufe der Führung für ergänzende Infos verweist, steht, dass das Landesamt für Arbeitsschutz und technische Sicherheit Berlin auf ein altes Reichsgesetz verwiesen hätte: “beim Errichten von Häusern die Regeln von Sitte und Anstand zu wahren.” Dass am Brandenburger Tor heute noch Reichsgesetze zur Entfaltung kommen, ist schon mächtig gewaltig. Aber einen Gehry damit auszubremsen, passt ins Bild: Die Berliner Genehmigungsbehörden, heißt es in dem DZ-Bank-Buch auch, “wetzten die Messer”, als Gehry den Wettbewerb “Bankgebäude am Pariser Platz” 1995 gewann. Unter den Rock gucken, kann man hier also niemandem.

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Umgekehrt sagt Gehry zur Bedeutung des Bauwerks: “Dieser Bau hat eine ausgeprägte Beziehung zu Berlin. Er wurde im historischen und politischen Kontext der Stadt geschaffen und er trägt Spuren dieses Prozesses. Dies unterscheidet ihn von Gebäuden, die wir etwa für Los Angeles oder Prag entworfen haben. Unsere Antwort auf die Ansprüche der urbanen Situation, des Bauherrn, der städtischen Behörden und der Bauwirtschaft macht ihn zu einem Berliner und gibt ihm Kraft.”

Die Ansprüche des Bauherrn, der Bank, sind interessant: Ihr gefiel der frühe Entwurf eines riesigen Aquariums mit einem schwebenden Ruderboot nicht. (Gemeint ist die Innenskulptur.) Zu nahe lagen die Metapher vom “sinkenden Schiff” im Falle einer Finanzkrise oder die Interpretation als “Haifischbecken”. Die Bank sah ihre Mitarbeiter im Atrium stehen, miteinander plauschend in der Pause: “Sitzen wir denn nicht alle in einem Boot?” – So blieb es für die Skulptur allein bei dem, was die meisten heute den “Pferdekopf” nennen (er hat sich im Planungsteam durchgesetzt), manche aber auch als den “Wal”, die “Qualle”, “Amöbe”, den “Ritterhelm” oder einfach als “das Ding” bezeichnen.

Ein Pferdekopf?

Ein Pferdekopf?

Gehry hat sich bei der Gestaltung der Skulptur von den organischen, fließenden Formen von Klaus Sluter, einem Bildhauer aus dem 14. Jahrhundert aus Dijon, inspirieren lassen, steht in dem Buch. Und er beschreibt den Entwurfsprozess so: “Je mehr Elemente wir im Atrium wegließen, umso mehr Präsenz und Kraft bekam die große abstrakte Form.” Sie wurde am Computer mit einer für den Flugzeugbau entwickelten Software (CATIA) weiterentwickelt, gezogen und gedehnt bis sie immer weicher und biomorpher zu einer Art Tierform wurde. Gehry sagt, das sei weder beabsichtigt, noch zu erwarten gewesen! Für die Architekten (um noch eine Interpretation ins Spiel zu bringen) war sie anfangs “ein im Modell vergessenes Papiertaschentuch”.

Wir sitzen mit Herrn Gudat jetzt mittendrin: im Inneren der Skulptur, in einem Konferenzraum. Hellbraune gewölbte Holzwände umgeben uns, oval stehen die Tische des Plenums treppenartig aufgereiht, gemütlich. Gudats ohnehin sehr warme, tiefe Stimme wird in dieser fast familiären Atmosphäre, die so gar nichts ernstlich-geschäftliches hat, noch wärmer. Mikrofone braucht es hier nicht. – Aber einen riesigen, schwarzen Bildschirm für Präsentationen.

Die UN der Berliner Bike-Guides

Die UN der Berliner Bike-Guides

Von außen betrachtet, zeigt die Skulptur, mit welcher Präzision Gehry arbeitet. Der Fugenabstand zwischen den über 100 dreidimensional gekrümmten Edelstahlplatten beträgt überall nur maximal drei Millimeter. Die geringste Abweichung wäre augenfällig geworden. Hier hat es Auseinandersetzungen gegeben, liest man im Buch, wie auch bei den Toiletten.

Gehry wollte hier ein ganzräumiges Fliesenraster (und hat es durchgesetzt), was bedeutet, dass in den Toiletten auch die Decken gefliest wurden. Für ihn zählen die Toiletten, wie auch das Atrium, zu den “dienenden Bauteilen”. Ohne die Einfachheit und Klarheit der gerasterten Innenfassade wäre die Kreation der nichts-bedeutenden Raumskulptur gar nicht denkbar, nicht existenzberechtigt. Jedenfalls nicht in Berlin. Das ist Berlin (und seine Behörden), das hier bis ins Gebäude hineinragt und den Gehry zäumt. (Aber Gehry zäumt sich ja freiwillig selber.)

Blick vom Dach mit Quadriga und Reichstag. Im  Vordergrund lässt sich der Hof der US-Botschaft erahnen.

Blick vom Dach mit Quadriga und Reichstag. Im Vordergrund lässt sich der Hof der US-Botschaft erahnen.

Diesen “dienenden” Elementen gebührt nach seiner Auffassung genau so viel Präzision, wie der zentralen Freiform, der Skulptur. Um sie gab es auch eine Materialdebatte: Sie sollte anfangs aus Alabaster sein (aus technischen Gründen wurde das verworfen), dann aus Zinn, aber die Bank dachte – militaristisch! – gleich an Zinnsoldaten. Auch Blei war im Spiel, aber negativ besetzt, wegen potenzieller Bleivergiftungen. So kam man infolge von Bauherrnbefürchtungen zum Edelstahl.
Belassen wir es bei diesen Ausführungen. Mehr Infos findet, wer sich vielleicht für das muschelförmige Glasdach begeistert, im genannten Buch, das in den Regalen der ZLB bei den Berlin-Studien steht. Dort nicht nachzulesen (aber hier) ist ein Erlebnis, zu dem man das Söhnchen von BOB-Guide Mads nur beglückwünschen kann: Seine Eltern wechseln ihm in der glasüberdachten Sky-Lobby mit Blick aufs Brandenburger Tor die Windeln. Und die Amerikaner nebenan hören mit. Riechen mit?

Detail der Dachkonstruktion

Detail der Dachkonstruktion der DZ-Bank am Pariser Platz

Möglich gemacht hat uns das alles Peter Gudat, dem der Anzug gar nicht so bequem ist, wie er offen gesteht. “Berufskleidung halt.” So hat es Ende der 90er Jahre auch Joschka Fischer formuliert. Bei Herrn Gudat bedanken wir uns für seine herzliche, unterhaltsame Art, in der BOB-Guide Thomas resümierend auch einen “leichten, nordischen Einschlag” erkennt.

Das letzte Wort gehört hier den Architekten (Neufert Mittmann Graf Partner), die für Frank O. Gehry die Genehmigungs- und Ausführungsplanung machten, also den Kampf gegen die Berliner Behörden austrugen, den Bau verwirklichten und die etwa 30 weltweit beteiligten Baufirmen koordinierten. Für sie entstand mit dem Gehry-Bau am Pariser Platz kein “Berliner”, wie Gehry ihn nennt, sondern “ein Amerikaner in Berlin, dessen Rückgrat die DIN ist und dessen Seele und äußere Gestalt den Freiheitswillen und die Schöpferkraft des Architekten verkörpern.”

André Franke

Buch:

DZ BANK AG Pariser Platz von Christiane Borgelt u.a.

Verlag Stadtwandel, 2004

Deutsch, Englisch

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