Pierre Boulez Saal


Mittendrin statt abgestellt

Wir hatten kürzlich die Gelegenheit zu einer Führung im Pierre-Boulez-Saal. Dabei haben wir einiges gelernt, u.a. dass das „z“ im Namen wie ein scharfes „s“ mitgesprochen wird.

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Der im März 2017 eingeweihte Konzertsaal ist Teil eines Dreigestirns in Sachen musikalischer Spitzenausbildung. Da ist zum Einen, das von Daniel Barenboim und Edward Said schon Anfang der 90er-Jahre ins Leben gerufene West-Eastern Divan Orchestra. Bezugnehmend auf ein Gedicht Goethes kommen seit 1999 junge Musiker aus Israel und verschiedenen arabischen Ländern zusammen um zu musizieren und für eine friedliche Lösung des Nahost-Konflikts zu werben. Das Zweite ist die Barenboim-Said-Akademie. Seit 2016 studieren hier bis zu 100 junge Musiker, Dirigenten und Komponisten aus dem Nahen Osten, alle von Ihnen mit einem Vollstipendium.
Zur Akademie im weitesten Sinne gehört auch der Pierre Boulez-Saal. Untergebracht sind beide in dem ehemaligen Magazingebäude der Staatsoper Unter den Linden (deren künstlerischer Leiter Barenboim seit Anfang der 90er Jahre ist).

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Das ursprüngliche Gebäude ist im Krieg schwer beschädigt worden und von 1950-55 nach Plänen des Bauhaus-Schülers Richard Paulick wiederaufgebaut worden. Im Zuge der aktuellen Sanierung und Umbau der Oper bot sich nun die Gelegenheit das Gebäude einer anderen Nutzung zuzuführen. Dank der guten Verbindungen Barenboims haben sich sowohl der Architekt Frank Gehry, bzw. dessen Nachwuchszeichner, als auch der Akustiker Yasuhisa Toyota bereit erklärt ohne Honorar den Umbau zu planen. Dafür wurde zunächst das komplette Haus entkernt und dann von innen nach außen wieder aufgebaut. Der eigentliche Konzertsaal hängt hierbei in dem Gebäude, so dass Erschütterungen der Straße, z.B. durch große LKW sich nicht bis in den Saal fortsetzen.

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Im Foyer der Akademie mischen sich dunkle Töne mit hellem Holz, Details wie manche Tür lassen noch die rein utilitaristische Nutzung als erahnen. Die Treppen lassen mich an ein Schiff denken und insgesamt wird der Bau trotz eigentlich strenger Formensprache sehr einladend und man kann sich vorstellen, dass es sich hier wirklich gut studieren lässt – angeblich ist sogar das Essen in der Kantine gut (wir probieren das demnächst mal aus und berichten).

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Der eigentliche Höhepunkt ist aber ganz klar der Pierre Boulez Saal selbst. Dieser ist anders als jeder Konzertsaal den ich bisher gesehen habe (Ok, waren jetzt nicht so viele, aber trotzdem). Pierre Boulez hat sich Zeit seines Lebens mit Musik und Kultur allgemein als Kommunikation beschäftigt und Kritik an der Art und Weise geübt, wie Klassik vielerorts zelebriert wird, auf eine Weise elitär, als Monolog statt Dialog, die Musiker abgestellt wie eine Schuhschachtel. Der jüngste Berliner Konzertsaal umschifft diese Probleme mit der Verknüpfung mehrerer ziemlich genialer Ideen. Zunächst einmal sorgt die elliptische Grundform dafür, dass es kein klares „vorne“ und „hinten“ gibt, die Hierarchie zwischen Performer und Zuschauer wird somit eingeebnet. Wenn alle Sitze ausgezogen sind, kommen die Gäste den Musikern erstaunlich nahe und sitzen komplett auf gleicher Höhe. Darüber hinaus haben Toyota, der auch für die Akustik der Elbphilharmonie verantwortlich zeichnet, und Gehry große Mühe darauf verwandt, dass der Klang auf wirklich allen Plätzen gleich gut ist. Das hat natürlich Grenzen. Wenn ich in nur zwei Metern Abstand der vordersten Reihe sitze, leidet im Zweifel der Ensembleklang doch ein wenig. Durch die versenkbaren vordersten Reihen ist der Saal zudem in hohem Maße flexibel nutzbar. Und zu guter Letzt sieht der Raum einfach toll aus, mit seinen geschwungenen Formen.

Auf dem Programm steht naturgemäß viel Kammermusik mit kleinem Ensemble, aber es wird auch Konzerte mit etwas größeren Orchestern geben. Tickets gibt es ab 15€ und nach Aussage des Direktors werden eigentlich immer ein paar Karten für den Pierre-Boulez-Saal zurückgehalten, so dass es sich auch lohnt an der Abendkasse auf sein Glück zu hoffen. Als besonderen Clou bekommen Zu-Spät-Kommer demnächst Funk-Kopfhörer ausgehändigt, mit denen sie im Foyer die nächste Unterbrechung abwarten können, ohne etwas vom Konzert zu verpassen.

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