Die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden


Baustellenführung und Hintergründe zur Sanierung der Staatsoper

Dem Einen oder Anderen dürfte insbesondere auf unseren „Berlin im Überblick„-Touren bereits aufgefallen sein, dass Berlin auch eine Hauptstadt der Kräne und Baugruben ist. Neben der großformatig aufgebuddelten Prachtstraße Unter den Linden, mit dem Neubau der U-Bahnlinie 5 vom Alexanderplatz zum Hauptbahnhof, ist seit 2010 die Sanierung der Staatsoper am Bebelplatz eines der umfangreichsten Projekte. Im Schatten des Flughafendebakels zumindest national relativ unbeachtet häufen sich jedoch auch hier ein paar Probleme. Just dieser Tage beantragt die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus einen Untersuchungsausschuss zu Kostensteigerungen und Zeitproblemen.

Gitterwerk auf der Staatsoper-Baustelle

Gitterwerk auf der Staatsoper-Baustelle

Die ursprünglich auf 240 Millionen Euro veranschlagten Kosten werden sich am Ende auf voraussichtlich 390 Millionen steigern und die für Oktober 2015 avisierte Wiedereröffnung wurde auf das Jahr 2017 verschoben. Das bedeutet für Ensemble und Gäste weitere zwei Jahre im Ausweichquartier Schillertheater.

Laut Senatsverwaltung bzw. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sind es verschiedene Faktoren, die diese Verzögerungen und Verteuerungen verursachen. Verständlicher wird die Lage schon, wenn man sich einmal vor Augen führt, um was für ein Bauvolumen es sich eigentlich dreht.

Komplexe Baugeschichte lässt Kosten bei der Staatsoper explodieren.

Neben der denkmalgerechten Sanierung des eigentlichen Opernbaus entsteht ein neues Probenzentrum mit Werkstätten, die Verwaltung beziehungsweise Intendanz wird teils neu gebaut, teils saniert und zusätzlich wird ein neues unterirdisches Bauwerk errichtet, das die einzelnen Teile miteinander verbindet. Letzteres mag sich auf den ersten Blick wie Luxus anhören, aber bei einem Repertoire-Betrieb wie dem der Staatsoper wechseln das Stück und damit auch das Bühnenbild nahezu täglich. Ein überirdischer Transport ist nicht nur zeitaufwändig sondern auch risikobehaftet.

Tageslicht-Schächte im Probenzentrum der Staatsoper unter den Linden

Tageslicht-Schächte im Probenzentrum der Staatsoper unter den Linden

All diese Baumaßnahmen finden in einem bautechnisch ziemlich komplizierten Umfeld statt. Zunächst einmal ist da der in Berlin sehr hohe Grundwasserspiegel zu nennen, der eine technisch raffinierte und teure Abdichtung aller Gebäudeteile notwendig macht. Ein zweiter Punkt ist die sehr alte Bausubstanz der mehrfach sanierten und überbauten Staatsoper. In seiner mehr als 250-jährigen Geschichte musste das Gebäude mehrfach wieder aufgebaut werden. Das erste Mal nach einem Brand im Jahr 1843, ab 1925 wurde dann umgebaut um neue Bühnen zu schaffen und die Technik an moderne Anforderungen anzupassen. Nach einem Bombentreffer im Jahr 1942 hat angeblich Adolf Hitler persönlich den Wiederaufbau befohlen und schließlich wurden Anfang der 50er Jahre die Bombenschäden von 1945 saniert.

Kassettendecke aus dem 18. Jahrhundert in einem der kleineren Probenräume der Staatsoper

Originaldecke aus dem 18. Jahrhundert in einem der kleineren Probenräume der Staatsoper

Genaue Pläne all dieser Bauphasen sind natürlich Mangelware. So ist es nicht verwunderlich, dass sich in den Tiefen des Gebäudes einige Überraschungen verbergen: unerwartete Stahlträger, Baumstämme in 17 Metern Tiefe, die ursprünglich zur Verdichtung des Bodens verwendet wurden. Nun könnte man meinen, dass all diese Probleme zwar nicht en detail vorhersehbar waren, man aber durchaus grundsätzlich mit verteuernden Komplikationen rechnen musste. Ich persönlich verstehe zu wenig von Bau und/oder Denkmalschutz, um das wirklich beurteilen zu können. Grundsätzlich fügt es sich aber doch ein in das Schema, öffentliche Bauvorhaben lieber erst einmal so günstig wie möglich erscheinen zu lassen, in der Hoffnung, dass sich nach Baubeginn schon neue Gelder auftun werden. Ich bin durchaus der Meinung, dass sich Berlin und die Bundesrepublik auch mehr als ein erstklassiges Opernhaus leisten können und rein vom Ambiente her kann die Deutsche Oper in all ihrer 50er-Jahre-“Pracht“ nun einmal nicht mit Knobelsdorffs Bau mithalten – natürlich ist das nicht mit einem schmalen Taler zu erreichen. Was jedoch sicher nicht mich allein stört, ist das Gefühl nicht ehrlich informiert zu werden. Allerdings ist das wohl so etwas wie ein Systemfehler und nicht wirklich spezifisch für die Staatsoper. Nach deutschem Baurecht ist es bei öffentlichen Aufträgen übrigens nicht gestattet, zur Sicherheit etwas mehr Geld einzuplanen, noch nicht einmal Preissteigerungen aufgrund von Inflation dürfen eingepreist werden – was sich bei einem Bauprojekt, das sich inklusive Planung über mehr als ein Jahrzehnt erstreckt, schon summiert. Insofern sei es wie es ist, die Frage wer wann was verbockt hat, werden das Parlament oder Gerichte klären. Wir hoffen einfach einstweilen, dass es bei der Staatsoper weiter vorangeht und der neue Termin gehalten werden kann.

Von blöden Kommentaren zum Symbolismus bitten wir abzusehen.

Von blöden Kommentaren zum Symbolismus bitten wir abzusehen.

Deckenhebung für den Nachhall

Eines der Hauptanliegen neben der Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist die Optimierung des Klangs. In erstklassigen Opernhäusern hallt der Klang typischerweise knappe zwei Sekunden nach. Unter den Linden sind es bislang lediglich 1,1 Sekunden. Die einzige praktikable Möglichkeit hier effektiv einzugreifen ist eine Vergrößerung des Klangvolumens. Daher ist die Decke des Zuschauerraums um ungefähr fünf Meter angehoben worden. Ein Vorhaben, dass insbesondere den Kollegen vom Denkmalschutz recht mühsam verkauft werden musste. Über dem letzten Rang wird eine sogenannte Nachhall-Galerie eingezogen, ein optisch geschlossener aber luft- und damit klangdurchlässiger Raum, der die Nachhallzeit auf wohl angemessene 1,6 Sekunden steigen lässt. Betreten darf diesen Raum während einer Vorstellung niemand, sonst wäre der Effekt wohl schlagartig hin. Ohnehin würde ein Zuschauersaal ohne Zuschauer deutlich besser klingen, aber das mag selbst im hoch subventionierten Berliner Opernbetrieb niemand ernsthaft vorschlagen.

Rang des Zuschauersaals in der Staatsoper

Rang des Zuschauersaals in der Staatsoper

Baustellenführung

Wenn die Arbeit auf der Baustelle an Sonn- und Feiertagen ruht, besteht die Möglichkeit zu einer Baustellenführung. Seit vergangenem Jahr treffen sich unsere Guides dank des bewundernswerten Engagements der lieben Kollegen Ruth und Alex mehr oder weniger regelmäßig zu kleinen Weiterbildungsexkursionen. Am vergangenen Sonntag haben wir die Gelegenheit ergriffen vor dem eigentlichen Saisonbeginn selbst einen Blick auf den Baufortschritt zu werfen. Ausgerüstet mit stahlkappigen, gelben Gummistiefeln und schicken blauen Helmen mit Staatsoper-Logo machen wir uns zunächst auf in die Intendanz und das Probenzentrum. Allerdings nicht ohne vorher gefühlte 36-mal die Begriffskombination „besonnen und aufmerksam“ gehört zu haben. Keine Ahnung, ob sich mittlerweile rumgesprochen hat, dass wir als Gruppe mitunter etwas anstrengend sein können, oder ob wirklich der allgemeine Gefahrenlevel so hoch ist, dass man es lieber einmal mehr sagt. Jedenfalls im Privaten würde ich uns eher als „albern, naseweis und neugierig“ bezeichnen. Die Vorstellung über irgendein Kabel 27 Meter in die Tiefe zu stolpern hat dann offensichtlich aber doch dafür gesorgt, dass wir uns extrem brav benommen haben und sich niemand über die „Biker“ beschweren musste. Unser Guide Kay war extrem kompetent, unterhaltsam und wusste auch auf kritische Fragen in der Regel eine zufriedenstellende Antwort. Beim Treppauf und Treppab durch die verschiedenen Gebäudeteile wird einem das Ausmaß dieses Projektes erstmals bewusst. In den alten Teilen ist vieles entkernt und die großen Säle sind komplett mit einem Geflecht aus Stahlgerüsten ausgefüllt, beinahe so als wäre ein Pilz in jede Ritze des Hauses gedrungen und hätte seine geometrischen Sporen verteilt.

Immer wieder bieten sich unerwartete Ein- und Durchblicke, das Spiel von Licht und Schatten lässt das Gefühl für die Größenverhältnisse verlieren und beim Austritt ins Tageslicht wundert man sich beinahe, dass die Welt außerhalb dieses Gewirrs aus Stahl und Stein noch genauso aussieht wie zwei Stunden zuvor.

Fazit: Ein absolut empfehlenswerter Ausflug und ich freue mich ehrlich schon auf die erste Gelegenheit, das Ensemble der Staatsoper in seiner neuen alten Spielstätte zu bewundern.

Für kleidsames, wasserfestes und sicheres Schuhwerk sorgt der Veranstalter.

Für kleidsames, wasserfestes und sicheres Schuhwerk sorgt der Veranstalter.

Infos zur Baustellenführung Staatsoper Unter den Linden:

Führungen finden jeweils Sonn- und Feiertags statt; hier finden Sie alle Termine und Tickets für 2015.

Kosten 15€ regulär, 10 € ermäßigt.

Jugendliche dürfen erst ab 16 Jahren teilnehmen. Zwar können Tickets auch vor Ort an dem Stand auf dem Bebelplatz erworben werden, besser und sicherer aber ist es sich die Tickets online zu kaufen. Speziell an besucherstarken Wochenenden wie Ostern, 1. Mai oder Pfingsten empfiehlt es sich , die Karten rechtzeitig zu sichern.

Sicherheitsschuhe und -Helme werden vor Ort gestellt. Man sollte allerdings halbwegs gut zu Fuß sein, die Tour dauert ca. 2 Stunden mit einigen Stufen, die zu bewältigen sind. Zwischendurch gibt es übrigens keine Gelegenheit eine Toilette aufzusuchen.

Wenn Sie mehr über den Bebelplatz bzw. das Forum Fridericianum und die lustigen Gewohnheiten unserer preußischen Vorfahren erfahren wollen, empfehlen wir unsere Tour „Berlin im Überblick„, die Sie zu allen Hauptsehenswürdigkeiten im Zentrum der Hauptstadt bringt.

Unsere Tour „Zukunft Berlin“ beschäftigt sich gezielt mit den großen Bauprojekten in Berlin und wie diese in den kommenden Jahren das Gesicht der Stadt verändern werden.

Ride Safe!

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Blick in einen Schacht im Probenzentrum der Staatsoper

Blick in einen Schacht im Probenzentrum der Staatsoper

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