Inside Berlin: Mauerpark


Party im Todesstreifen

Viele von uns bei Berlin on Bike haben ein ganz besonderes Verhältnis zum Mauerpark (Wikipedia); nicht nur weil wir auf unseren Mauertouren oder bei Zukunft-Berlin beinahe täglich durch oder zumindest vorbei fahren, sondern weil viele von uns hier auch einen Teil Ihrer Freizeit verbringen. Einige von uns wohnen in der unmittelbaren Umgebung, haben hier lange gewohnt oder schaffen es nach der letzten Tour einfach nicht nach Hause zu gehen. Der Vorschlag im Sommer noch ein schnelles Feierabend-Bier im Mauerpark zu nehmen, ist gleichermaßen erhofft wie gefürchtet. Früher oder später saugt der Mauerpark einen auf und man hängt bis Mitternacht im Niemandsland zwischen Ost und West.

Das Gelände des heutigen Mauerparks hat auch schon vor der Teilung der Stadt eine belebte Geschichte hinter sich. Zunächst wird es, wie die Umgebung Berlins allgemein, hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt – unter anderem durch das königliche Vorwerk Niederschönhausen, exerzierte hier ab 1825 das preußische Militär. Ab Ende des 19. Jahrhunderts befand sich hier die allererste Spielstätte der Hertha. Der Bereich östlich der Schwedter Straße, in dem sich heute der Jahn-Sportpark befindet, wurde seitdem durchgängig zur leiblichen Ertüchtigung genutzt.

Westlich davon, auf dem eigentlichen Gelände des heutigen Parks, befand sich ab 1877 der alte Nordbahnhof, auf dem die Züge von und nach Stralsund fuhren. Während Personenverkehr hier nur eine kurze und untergeordnete Rolle spielte, diente das Gelände noch bis in die 70er  als Güterumschlagplatz. Inzwischen hatte man dem „Stettiner Bahnhof“ den neuen Namen „Nordbahnhof“ verpasst, um dem Revanchismus ja keinen Vorschub zu leisten. Der Bahnhof an der Ecke Bernauer/Schwedter Straße hieß jetzt schlicht „Güterbahnhof Eberswalder Straße“. Sichtbares Zeugnis dieser Zeit ist die denkmalgeschützte Brücke, die den Gleimtunnel bildet, oben Park und unten zumindest einmal im Jahr Party-Location.

Die Schwedter Straße als eigentliche Grenze zwischen Wedding und Prenzlauer Berg wurde ab 1961 als Todesstreifen befestigt (damals stand die Mauer genau da wo heute der Weg durch den Park läuft), wobei das Gelände westlich davon kurioserweise weiterhin von der Reichsbahn genutzt wurde, die ja ein Ost-Unternehmen war. Stasi und Grenztruppen waren verständlicherweise wenig davon begeistert, dass man als Fussballfan eigentlich nur beim Jubeln über die Stadionrückwand fallen und den Hügel runterkullern musste, um in den Westen zu kommen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass der Dienst beim Dynamo-Heimspiel in der letzten Reihe nicht wirklich unbeliebt war. Als der Westberliner Senat in den 80ern eine Autobahn quer durch Kreuzberg plante, wurden eine ganze Reihe von Grundstücken zwischen Ost und West hin und her getauscht. Dadurch konnte ab 1988 der Ausbau der Grenze in Angriff genommen werden und der Todesstreifen bekam die heutige Breite des Parks

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Schon umittelbar nach der Wende hockten sich die Anwohner in den Schatten der teils noch vorhandenen Wachtürme und die Idee des grünen Bandes – eines Grünzugs entlang des ehemaligen Todesstreifens – nahm Gestalt an. Durch Mittel der Allianz Umweltstiftung gefördert, konnte 1994 der Park weitgehend in seiner heutigen Form an die Bevölkerung übergeben werden.  Das Gelände westlich davon wird auch heute noch als Materiallager und seit 2004 für den mittlerweile beliebtesten Berliner Flohmarkt genutzt. So weit so gut. Der Haken an der Sache mit der Allianz war die Bedingung, den Park bis 2010 auf zehn Hektar zu erweitern. Dafür hat die Stadt eigentlich kein Geld, schließlich gehört ihr das Gelände gar nicht, sondern mittlerweile der Groth-Gruppe, die natürlich am Liebsten das ganze Grundstück bebauen möchte. Ein aktueller Kompromissvorschlag sieht den Tausch „Grundstück gegen Baurecht“ vor, wobei jeweils am südlichen und nördlichen Rand (nördlich des Gleimtunnels) 5- bis 7-geschossige Wohnhäuser und eine Kita entstehen sollen. Leider ist zu befürchten, dass hier vorwiegend hochpreisige Miet- (9,50 €/qm) bzw. Eigentumswohnungen (3.000 €/qm) entstehen werden, die statt Erhalt der Berliner Mischung eher eine Beschleunigung des Verdrängungsprozesses begünstigen werden.

Und was passiert heute im Park?  Während der Woche ist es hier relativ entspannt und die Hipster-Dichte auch nicht höher als anderswo in der Berliner Innenstadt, während der Park sonntags regelmäßig zur Festwiese mutiert. Während sich ab 11 Uhr auf dem Flohmarkt Schnäppchenjäger und Taschendiebe auf den Füßen stehen, ist eigentlich der komplette Park voll mit Grillern, Musikanten, Jonglierern und Flaneuren. Seitdem im Humboldthain das Grillen verboten ist, kommen auch immer mehr türkische und arabische Familien aus dem Wedding in den Mauerpark und sorgen so für ein bißchen Durchmischung. Tatsächlich fungiert der Park und insbesondere der Gleimtunnel immer noch als Grenze zwischen zwei Kiezen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Im Prenzlauer Berg hat sich seit den 90ern nahezu die gesamte Bevölkerung ausgetauscht. Heute ist der Bezirk eher von Leuten geprägt, die damals als abenteuerlustige Studenten nach Berlin kamen, mittlerweile aber nicht mehr ganz so abenteuerlustig und wohl eher als gutsituierte Mittelschicht zu bezeichnen sind, die gerne was mit Medien macht. Die Weddinger Seite hingegen ist immer noch etwas wilder und eher wie ursprünglich einmal ein „Arbeiterbezirk“, halbwegs günstiger Wohnraum inklusive – zumindest noch. Es wird spannend sein zu beobachten, wie scharf sich diese Trennlinie in den nächsten Jahren darstellt. 

Absolutes Highlight am Sonntag ist das berühmt-berüchtigte Bearpit-Karaoke. Bei gutem Wetter (und ganz nach Lust und Laune) baut Joe Hatchiban gegen 15 Uhr seine Anlage mitten in dem großen Amphitheater  auf und jeder, der ein bißchen was fürs Selbstbewußtsein tun möchte, ist herzlich eingeladen sich vor die gut 1.500 wohlwollenden Zuschauer zu stellen und sich seine Dosis Applaus abzuholen. Einzige Regel: Frank Sinatra ist tabu – und alles andere, was Joe nicht leiden kann oder nicht auf seinem Rechner hat.

Das Schöne am Mauerpark ist, dass hier nach wie vor jeder auf seine Kosten kommen kann, ob beim Rollschuhfahren vor der Max-Schmeling-Halle (ein Überbleibsel der Berliner Olympiaträume), die Kids am Moritzhof, beim Klettern, ganz ruhig im Birkenwäldchen, tanzend und trinkend oder beim – mein Favorit – Sonnenuntergangsanbeten ganz oben auf dem Hügel – am Besten mit einem schönen Wegbier vom Späti.

Die 300 Meter Hinterland-Mauer direkt hinter dem Stadion werden im Sommer eigentlich täglich neu verziert, wobei die Polizei die Füße still hält und die Sprayer-Crews in aller Seelenruhe ihre Privatfehden aussprühen können.

Wer nach all dem immer noch nicht genug vom Mauerpark hat, kann sich mit dem Mauerpark-Film oder einem gerade erschienen Buch über die Wartezeit bis zum nächsten Besuch verkürzen:

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