Gestern und Heute: Mehringplatz


Das Rondell am Halleschen Tor

Heute ist der Mehringplatz ein ziemlich trostloses aber irgendwie faszinierendes Stück Niemandsland zwischen Mitte und Kreuzberg, direkt nördlich des U-Bahnhofs Hallesches Tor. Die nächsten Kneipen und Clubs sind weit weg, die stuck-schwangere Gediegenheit der Gründerzeit-Altbauten von Kreuzberg 61 auch. Die den Platz rahmenden Bauten aus den 70er Jahren verspüren einen für Behörden typischen Charme, auch wenn es so aussieht als hätte man sich damals zumindest bemüht, den Platz auch als Lebens- und Begegnugsraum zu gestalten. Das gesamte Innere des Platzes ist seit Jahren mit einem Bretterzaun umgeben und kein Mensch weiß so richtig, was die Stadt bzw. der Bezirk Kreuzberg hier eigentlich vor hat. Vor einiger Zeit ist immerhin die Viktoria auf Ihre Säule in der Mitte des Platzes zurückgekehrt. Rundum kaum beachtete Kunstwerke und bedeutungsschwere Zitate wichtiger Menschen die in das Pflaster eingelassen sind. Zwei Mal die Woche ist Markt, ansonsten besticht der Platz vor allem durch viele dunkle Ecken, Sackgassen und Fluchtwege. Für die Polizei ist der Mehringplatz vor allem aufgrund des rund um das Hallesche Tor grassierenden Drogenhandels ein Verbrechens-Schwerpunkt, Aufenthaltsqualität gibt es nicht mal ansatzweise und man muss sich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen um diese kahlschlagsanierte Gegend als sozialen Brennpunkt zu bezeichnen.

Der Eingang zum Mehringplatz vom Halleschen Tor kommend.

Der Eingang zum Mehringplatz vom Halleschen Tor kommend.

3 Plätze an der Stadtmauer

Das Mehringplatz mit seiner zentralen Friedenssäule auf der die Siegesgöttin Viktoria gen Innenstadt schaut (seit 1843, ich finde es immer wieder interessant wie im preußischen Selbstverständnis der militärische Sieg der eigenen Truppen die Voraussetzung für den Frieden zu sein scheint) war jedoch einmal einer der wichtigsten Plätze Berlins.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts – Brandenburg-Preußen war gerade zum Königreich erhoben worden – wuchs Berlin rasant, u.a. durch zugewanderte französische Protestanten. Friedrich I. und sein Sohn Friedrich-Wilhelm I. (der Soldatenkönig) ließen außerhalb der alten Stadtgrenzen erstmalig geplante Stadt-Erweiterungen und eine neue Zoll- und Akzisemauer anlegen. Eines der insgesamt 14. Stadttore war das Hallesche Tor. Um 1730 entstanden drei neue repräsentative Plätze, die zunächst nach Ihrer Form „Karree“ – Pariser Platz am Brandenburger Tor), Oktogon – Leipziger Platz am Potsdamer Tor und Rondell – am Halleschen Tor genannt wurden.

Das Rondell/Mehringplatz von oben betrachtet.

Das Rondell/Mehringplatz von oben betrachtet.

Napoleon kommt und geht durchs Hallesche Tor

Nach Napoleons Niederlage bei Waterloo hieß der Platz ab 1815 zunächst Platz Belle-Alliance-Platz, also der Platz des schönen Bündnisses. Unter dem Namen „Schlacht bei Belle-Alliance“ hat der auf preußischer Seite federführende Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher  über die Ereignisse berichtet. Gemeint ist damit mitnichten, die Allianz zwischen den Preußen und England, die hier den Sieg bedeutete, sondern der Name eines Gasthaus in dem Bonaparte vor der Schlacht genächtigt hat, und in dem Blücher und Wellington angeblich zusammen getroffen sind. Das Hallesche Tor hat in den zehn Jahren der Napoleonischen Kriege eine ganz besondere Bedeutung für Berlin gespielt. Hier sind nicht nur 1806 französische Truppen zur Besetzung der Stadt einmarschiert, durch dieses Tor haben sie sie auch wieder verlassen. Logisch also diesen Platz zur Würdigung des Triumphes über die Besatzer umzubenennen.
Während Friedrich I. die Berliner Zünfte zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch quasi nötigen musste den Platz zu bebauen entstanden im 19. Jahrhundert immer prachtvollere Bauten von reichen Bürgern und Institutionen. Seit dem „Groß-Berlin-Gesetz“ von 1920 gehört die Gegend offiziell zum Berliner Stadtgebiet, vorerst als Bezirk Hallesches Tor, später als Bezirk Kreuzberg (der westliche Teil wird bis heute gemäß seiner alten Postleitzahl auch einfach 61 genannt) und seit der Bezirksreform von 2001 als Teil von Friedrichshain-Kreuzberg. Seinen aktuellen Namen verdankt der Platz dem Historiker, Marxisten und Publizisten Franz Mehring, der heute aufgrund vermeintlich antisemitischer Aussagen auch nicht mehr ganz unumstritten ist.

Seit Jahren schon ist der Mehringplatz Bauwüste und keiiner weiß genau was mit ihm passieren soll.

Seit Jahren schon ist der Mehringplatz Bauwüste und keiiner weiß genau was mit ihm passieren soll.

 

Kahlschlagsanierung in Kreuzberg

Wie die gesamte Berliner Innenstadt ist auch die Gegend um das Hallesche Tor und den Mehringplatz im zweiten Weltkreig stark zerstört worden, die Alliierten haben den Platz sogar als „total zerstört“ eingestuft. Statt die wenigen verbliebenen Altbauten zu retten und zu sanieren, entschloß man sich beim Wiederaufbau in den 60er Jahren, die noch erhaltene Bausubstanz abzureißen und nach den damaligen Vorstellungen einer modernen Stadt wieder aufzubauen. Dem Architekten Scharoun (Baumeister auch der Philharmonie) auf den die Entwürfe des Mehringplatzes letzlich zurückgehen ist zu Gute zu halten, dass er zumindest versucht hat so etwas wie eine bewohnbare und nutzbare Stadtlandschaft zu kreiieren. Vielleicht aufgrund der Nähe zur Mauer, vielleicht aufgrund der sozialen Situation vieler Bewohner – Kreuzberg war wirklich eine Gegend für Arme – hat sich jedoch nie wieder das Gefühl eingestellt es hier mit einem echten Platz zu tun zu haben. Für die meisten Berliner und ganz besonders die Radfahrer unter ihnen ist der Mehringplatz eigentlich nur ein Ärgernis, das es irgendwie zu umfahren gilt.

Der Mehringplatz vor 100 Jahren, damals noch der Belle-Alliance-Platz und eine lebendige Stadtlandschaft.

Der Mehringplatz vor 100 Jahren, damals noch der Belle-Alliance-Platz und eine lebendige Stadtlandschaft.

Das der derzeitige Zustand – um es wirklich sehr vorsichtig auszudrücken – der stadtgeschichtlichen Bedeutung dieses einstmals so schönen Platzes nicht gerecht wird haben mittlerweile auch der Berliner Senat und der Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain erkannt. In einem kürzlich abgeschlossenen Archtitektur-Wettbewerb wurden auch verschiedene Wünsche der Anwohner und lokalen Gewerbetreibenden berücksichtigt. Die Unterstützung der letztgenannten hat unter anderem dadurch versucht zu gewinnen, dass man statt einen Weg in der Verlängerung der Friedrichstraße direkt über den Platz zu legen, in der Mitte ein großes Hochbeet mit Wiese anlegt, dass Passanten dazu zwingt an den – bislang noch gar nicht präsenten – Läden vorbei zu schlenkern. Für Radfahrer ändert sich also erst mal nix. Nicht alle Anwohner jedoch sind mit dem jetzt prämierten Entwurf des Büros Lavaland restlos zufrieden. Sie befürchten laut eines Artikels der Berliner Zeitung, dass sich der Platz zur Partyzone entwickelt, zumal sich jetzt schon eine Gruppe Gewohnheitstrinker täglich am Südende des Platzes trifft und mit Hunden und lautem Gebell (von Mensch und Hund) den Platz für sich beansprucht. Die Studierenden aus der gegenüberliegenden Zentral- und Landesbibliothek wird es jedoch freuen, einen halbwegs gemütlichen Platz zu haben, der bei schönem Wetter dazu einlädt schon mal ein bisschen zu stöbern.

lavalandmehringplatz

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Streetart am Mehringplatz aus dem Jahr 2014.

Streetart am Mehringplatz aus dem Jahr 2014.

 

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