Dmitry und der Bruderkuss


Fast jeder kennt das Bild von den knutschenden Staatschefs Honecker und Breschnew, aber kaum jemand weiß etwas über den Künstler. Wir haben Dmitry Vrubel in seinem offenen Atelier bei uns in der Kulturbrauerei getroffen und uns mal die Geschichte des berühmten Werkes erzählen lassen.

1990, die Mauer war gerade gefallen, die Perestroika in der Sowjetunion noch im vollen Gange, die ersten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst liefen, erhielt Dmitry den Anruf eines Freundes aus Berlin, der ihm am Telefon mitteilte „We have the wall“. Eine Gelegenheit, die er sich natürlich nicht entgehen lassen konnte, zumal in der SU das Wissen über Mauer und Wende ziemlich spärlich gesät war. So war dann der erste Gedanke beim Blick auf die Mauer auch „Die ist ja klein“. Irgendwie hatte Vrubel sich den antifaschistischen Schutzwall dann doch größer vorgestellt. Interessanterweise bestand für ihn die Mauer noch bis zum Spätsommer ’90. Als Bürger der Sowjetunion galt das Visum nur für die DDR. Dmitry Vrubel hat sich also noch im April im Fussraum eines Autos versteckt, wenn er über die Oberbaumbrücke nach Kreuzberg fuhr.

Natürlich ist die Aussicht im Westen arbeiten zu können verlockend für einen jungen russischen Künstler, zumal einen, der seit seinem 15. Lebensjahr mehr oder weniger im Untergrund arbeitete. So ist es irgendwie nachvollziehbar, dass Vrubel die Verträge, die ihm damals unter die Nase gehalten wurden, nicht allzu genau geprüft hat,  man stellte ihm ja schließlich auch die Materialien. Außerdem ging es erst mal um ganz andere, inhaltliche Probleme. Die küssenden Kommunisten hatte Dmitry schon als Teil einer Installation in Moskau ausgestellt, aber hierzulande war den Verantwortlichen das Motiv tatsächlich erstmal zu politisch. Angesichts des Malgrunds eine irgendwie absurde Vorstellung. Allein die Tatsache, dass hier erstmalig ganz offiziell und dann auch noch von Ost und West gemeinsam organisiert, die Mauer bemalt wurde, macht m. E. nach jedes einzelne Werk zu einem politischen Statement. Tatsächlich hat im Endeffekt der Senat grünes Licht geben müssen. Gemalt war der Kuss relativ schnell, Vrubel ist insgesamt ein zügiger Arbeiter – wenn man sich anschaut, was allein in den letzten Wochen alles entstanden ist. Als dann das Neue Deutschland titelte: „Schmatz! Bruderkuss im Mauerformat“ war auch ein Name gefunden.

Als im Herbst 1990 die ersten Souvenir-Shops an der Mauer entstanden freute sich Vrubel noch über die gute Werbung von 20.000 Postkarten mit seinem Motiv. Erst deutlich später ging ihm auf, dass er sich streng betrachtet ein bißchen hat übers Ohr hauen lassen. Ein genaueres Studium der Verträge, die natürlich auf Deutsch waren, brachte irgendwann die Erkenntnis, dass er wirklich ALLE Rechte an dem Bild abgetreten hatte und andere mit seiner Arbeit gutes Geld verdienen. Irgendwann findet man sich aber auch damit ab, zumal das mit der Werbung tatsächlich stimmt.

Ein bißchen verwirrend wird die Geschichte dann noch mal rund um die Restaurierung, bei der 2008/9 zunächst die komplette Eastside Gallery baulich saniert wurde. Soll heißen die Kunst ist samt Beton abgekloppt worden, um die Stahlarmierungen freizulegen und mit einem Schutzanstrich zu versehen. Dies bedeutete natürlich, dass die Künstler ihr Bild jeweils noch ein zweites Mal malen sollten. Den Bruderkuss sollte in dem Zusammenhang einfach ein anderer Maler erneuern. Letztlich hat Vrubel das Bild trotz extrem geringer Aufwandsentschädigung dann lieber selbst nochmal gepinselt.

Seit 2008 sind Vrubel und seine Frau/Co-Künstlerin mehr oder weniger dauerhaft in der Stadt. Nach den Gründen befragt, sagte er mir, dass ihn Berlin in seiner dezentralen Struktur stark an das Moskau der 80er Jahre erinnert, er mag es einfach mit der U-Bahn in eine völlig andere Stadt zu fahren. Dmitry hat zwar eine Galerie in Berlin, die ihn vermarktet, viel lieber jedoch ist ihm die Idee einer demokratischen Kunst in offenen Ateliers. Für diesen Sommer hat er deswegen seine Zelte bei uns in der Kulturbrauerei aufgeschlagen und arbeitet in den Räumen des benachbarten Theaters.  Mittlerweile ist die halbe Belegschaft von Berlin on Bike portraitiert worden. Aus digitalen Schnappschüssen entstehen fast realitätstreue Zeichnungen – vielleicht ja auch von Euch.
Momentan überlegen wir gemeinsam, wie man sein Atelier mit unseren Gästen füllen könnte und schmieden fleißig Pläne für wirklich coole Berlin-Souvenirs. Kommt vorbei schaut Euch an, wie Dmitry arbeitet, trinkt was mit uns und ihm.

Demnächst mehr an dieser Stelle, bis dahin: Ride Safe!

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