Malzfabrik


Cargobikes & Urban Farming

In Berlins alten Brauereien und Zuliefererbetrieben wird meist schon lang kein Bier mehr hergestellt, aber die typische Backsteinarchitektur erfreut sich großer Beliebtheit und bietet Platz für vielfältige Nutzungskonzepte. Ob nun eine Mischung aus Kunst, Gewerbe und Unterhaltung wie in der Kulturbrauerei von der aus wir unsere Fahrradtouren durch Berlin starten, schicke Wohnungen wie am Viktoriapark oder demnächst ein Einkaufszentrum in Moabit, die Gelände aus dem 19.  und frühen 20. Jahrhundert lassen reichlich Raum für Visionen.

Gewächshäuser und Industriebauten mit Schornsteinen auf dem Gelände der alten Malzfabrik in Tempelhof.

Im Vordergrund sind die Gewächshäuser von ECF zu sehen während im Hintergrund die Windhauben der Schlote weithin sichtbares Wahrzeichen der Malzfabrik sind.

Eine ziemlich weitreichende Vision versucht seit 2005 der Schweizer Investor Frank Sippel auf dem Gelände der ehemaligen Malzfabrik von Schultheiss in der Tempelhofer Bessemerstraße zu verwirklichen. Am vorvergangenen Wochenende haben wir uns erstmals seitdem dort umgeschaut. Anlaß war die inoffizielle Weltmeisterschaft der Cargobikes, die dort stattfand. Weithin sichtbares Wahrzeichen, des 1996 stillgelegten Komplexes sind die vier drehbaren Hauben auf den Schloten der Mälzerei, dank derer sich Gase und Rauch immer mit dem Wind bewegen und nicht wieder zurückgeblasen werden. Wie vier riesige Orgelpfeifen krönen sie die imposante Halle. Weitläufige Freifläche zwischen den Gebäuden sind ideal für Veranstaltungen wie das Cargobike-Race.

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Auf der Rückseite findet sich eine große Wiese mit einem kleinen Badeteich und einem zusätzlichen Tümpel in dem Regenwasser aufgefangen wird, die zusammen für ein angenehmes Mikroklima sorgen. Das Außenbüro der Malzfabrik befindet sich hier ebenfalls in einem sog. tiny home, direkt neben ein paar stillen Örtchen aus Holz. Ganz hinten in einer Ecke stehen Bienenkörbe inmitten eines vor Blüten nur so strotzenden Gartens und eine hölzerne Pforte lädt ein zum Betreten einer kleinen Großstadt-Oase. Zwischen alten Bahngleisen ist ein Gemeinschaftsgarten entstanden, in dem die Großstadt ganz weit weg scheint. Von hier aus ist es auch nur noch ein Katzensprung zum Schöneberger Südgelände, einer Gleiswildnis die mehreren 100 Tier- und Pflanzenarten ein Zuhause bietet, viele davon auf der Roten Liste gefährdeter Spezies.

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Ähnlich vielfältig ist die Mieterstruktur in der Malzfabrik. Neben etlichen Kreativen wie Fotografen und Musikern, finden sich Unternehmen aus der Umweltbranche, verschiedene Verbände und als zumindest flächenmäßig größter Anlieger, die ECF Farmsystems. ECF hat als erstes Unternehmen eine wirtschaftlich orientierte urbane farm in Kombination mit einer Hydroponics-Anlage in Berlin gebaut. Hierbei werden Karpfen und Kräuter gemeinsam gezüchtet, wobei erstere den Dünger für letztere liefern und die Reste des Gemüseanbaus wieder die Fische füttern, wodurch Wasser- und anderer Ressourcenverbrauch radikal reduziert werden. Verkauft werden die Erzeugnisse auf dem eigenen Hofladen und auf verschiedenen Wochenmärkten. Zwischendurch ließen sich die Berliner Karpfen sogar bei der mittlerweile abgewickelten Supermarktkette Kaiser’s kaufen.

Insgesamt ein großartiger Ort, der viel Hoffnung macht, darauf, dass sich Geldverdienen, Nachhaltigkeit und soziales Engagement auch in einer überfüllten Metropole wie Berlin nicht zwangsläufig ausschließen.

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