Der Gasometer Schöneberg – Berlin von oben


Aus der Perspektive zwar beeindruckend aber nicht wirklich furchteinflößend.

Aus der Perspektive zwar beeindruckend aber nicht wirklich furchteinflößend.

[Update] Ab sofort können wieder Touren gebucht werden unter Gasometer1@googlemail.com . Kostenpunkt liegt bei 22,00 €, feste Termine gibt es nicht.

[Update] Bis September 2014 kann man das Gasometer zu Sonderkonditionen mieten, so lange Günther Jauch Sommerpause macht.

Wenn Ihr mehr über das Gasometer und den „alten WEsten“ Berlins erfahren wollt, bucht doch einfach unsere West-Berlin-Fahrrad-Tour

Unser Besuch am/auf dem Gasometer Schöneberg ist zwar schon eine Weile her, aber die Bilder wollten wir Euch nicht vorenthalten und wo wir schon mal dabei sind, gibts auch noch ein paar Infos dazu.
Zunächst einmal müssen wir gestehen, dass der Besuch des Gasometers a) ungeplant und b) eine tolle Ausrede war sich vor dem Future Mobility Camp zu drücken – das uns dann doch irgendwie zu technisch war. Nachdem wir schon morgens überlegt hatten, wie viel Kohle wir dem Hausmeister wohl zustecken müssen, damit er uns auf das Ding kraxeln lässt, beobachteten wir in einer Kaffeepause wie gerade eine Gruppe Menschen die Treppe erklomm. Kurz nachgefragt: eine Führung dauert ca. ne Stunde und kostet 20 €.

Martin war ganz pflichtbewusst und hat sich weiter dem Kongress gewidmet und ich habe Portemonnaie und Kamera gezückt und mich an den Aufstieg gemacht. Alles toll und aufregend, bis mir wieder eingefallen ist, dass ich ja ziemliche Höhenangst hab – danach war es dann hauptsächlich aufregend, „toll“ kam erst später wieder. Geholfen hat die Tatsache, dass wir letztlich deutlich länger oben waren und der Körper offensichtlich ein Zeitlimit hat, wenn es darum geht einen Ausnahmezustand über längere Zeit aufrecht zu erhalten.

Führung auf den Gasometer

Unser Guide war eine charmante junge Dame mit lockerem Mundwerk, die natürlich gleich gefragt wurde, ob sie nicht Lust hat Rad zu fahren und dabei zu guiden. Als weitere Gäste stapften zwei Pärchen mit mir durch die Kälte, beide aus Berlin und mit jede Menge Wissen und schlauen Fragen, eines im Rentenalter und eines unter 40 direkt aus dem Schöneberger Kiez.

Aufstieg am Abgrund. Damits nicht zu einfach wird, haben die freundlichen Betreiber für ein paar Stolperfallen gesorgt.

Aufstieg am Abgrund. Damits nicht zu einfach wird, haben die freundlichen Betreiber für ein paar Stolperfallen gesorgt.

Um es kurz zu machen, der Blick war selbst bei trübem Wetter spektakulär und das Gefühl auf Lochblechen in knapp 80m Höhe durch eine derart betagte Stahlkonstruktion zu stiefeln ist schon für sich genommen ein Erlebnis. Irgendwann wurde es zwar etwas kühl, aber das haben wir gerne in Kauf genommen. Derzeit werden keine Führungen angeboten. Das liegt leider nicht nur an der Jahreszeit sondern daran, dass die Zukunft des Standortes etwas unklar ist und die Veranstalter für 2014 noch keine Vereinbarung haben.

Geschichte des Gasometer

Als Zwischenspeicher für Gas waren ab Beginn des 20. Jahrhunderts die Gasometer in Berlin selbstverständlicher Teil der Skyline und unverzichtbar für die zuverlässige Versorgung der Berliner Bevölkerung. Das Ding ist im Grunde genommen einfach ein gigantisches Stahlgerüst, das mit fingerdicken Bolzen vernietet ist. Im Inneren befand sich ein Wasserbecken und darin wiederum ein Teleskop-Behältnis, das sich je nach Füllstand hob und senkte. Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind der Vorstellung anhing, anhand des Füllstandes das Wetter des nächsten Tages vorhersagen zu können: Wenn der Gasometer voll war, würde es kalt werden, so dachten wir zumindest.

Gelegen ist der Gasometer mitten auf der Roten Insel in Schöneberg an der Torgauer Strasse, ein lange von Arbeitern geprägter Kiez, der von drei Seiten durch Bahngleise begrenzt wird. Kurz vor der eigentlichen Fertigstellung erschütterten die vorbeifahrenden Züge einen Montagemast so stark, dass dieser umstürzte und den Turm durchschlug, alles andere als ein vielversprechender Anfang für die Geschäfte der Englischen Gasgesellschaft in Berlin. Nach der Umstellung der Berliner Versorgung auf Erdgas Mitte der 90er Jahre wurde der Gasometer stillgelegt. Bis dahin waren die Schöneberger von dem Monstrum eher wenig angetan, denn wenn die Behälter gefüllt waren, lag der halbe Kiez im Schatten.

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Nachnutzung des Gasometer Schöneberg – Euref-Energie-Campus

Im Jahr 2007 schließlich übernahm die Firma Euref des Berliner Immobilienentwicklers Reinhard Müller das über 40.000m² große Areal für den Schnäppchenpreis von 1 Million Euro. Im Gegenzug verpflichtete sich Euref bzw. Müller dazu die chemischen Altlasten zu beseitigen, wobei der Boden bis in eine Tiefe von mehreren Metern stark belastet war. Herr Müller gehört seit guten 10 Jahren zum Inventar der Berliner Immobilienbranche und gibt sich gern als hemdsärmeliger, unkonventioneller Unternehmer. Unkonventionell ist nach Meinung vieler Beobachter auch seine Nähe zur Politik. Besonders gern gesehen sind aktuelle oder ehemalige Würdenträger, die mit Beratungsaufträgen und/oder sogar Unternehmensanteilen an das Unternehmen gebunden werden. Zu seinen Partnern/Unterstützern/Angestellten gehören nicht nur Berliner Lokalgrößen sondern auch so illustre Namen wie Lothar de Maiziere, Ulla Schmidt oder Frank-Walter Steinmeier. Dass der allseits „beliebte“ Klaus Groth bei der Entwicklung des Euref-Energie-Campus mit im Boot war, verwundert dabei nicht wirklich. Die Grundidee für diesen war und ist bestechend: einen Bildungs- und Firmencluster für die Energieversorgung der Zukunft zu schaffen und dabei Urbanität neu zu denken.

Panorama mit unvermeidlichem Fernsehrturm

Panorama mit unvermeidlichem Fernsehrturm

Die erste Euphorie war recht schnell verflogen, der Markt für Büroflächen eher schläfrig, Herr Groth und die ZEIT-Stiftung, sprangen ab und die Sanierung war dann auch teurer als geplant. Gerüchte, Herr Müller hätte sich die Bodensanierungskosten über Umwege zurück geholt, lassen sich dagegen nicht bestätigen.
Um zumindest ein bisschen Geld wieder reinzuholen, wurde die Aussenhülle zunächst als Werbefläche genutzt. Das ging gerüchteweise so lange gut, bis eine mittelmäßig freizügige Unterwäsche-Werbung für Staus auf der nahen Stadtautobahn sorgte. Tatsache ist, die erhofften Einnahmen aus dieser Aktion für die Sanierung blieben weitgehend aus. Seit 2009 sendet Günther Jauch seinen sonntäglichen Polit-Talk aus dem Gasometer.

Irgendwann ging dann auch das Konzept des Energie-Campus auf, erste Gebäude wurden saniert und Mieter zogen ein. Mittlerweile ist das Gelände halbwegs entwickelt und seit dem vorletzten Wintersemester sind hier drei Masterstudiengänge der TU zum Themenkomplex „Stadt und Energie“ beheimatet. Alles in allem ist die Vision des Herrn Müller deutlich abgespeckt umgesetzt worden und gerade die Leute aus dem Kiez sind darüber sicherlich nicht nur traurig. Der Eigentümer von Euref gehört nicht unbedingt zu den Menschen, die sich mit ihren Plänen bei den Anwohnern beliebt machen.

[Update] Mittlerweile gibt es einen neuen Imagefilm der Betreiber-Gesellschaft. Wenn Ihr den Nerv habt, Euch mehr als 8 Minuten Lobhudelei mit allerbester „Wir bauen Zukunft-„Rhetorik anzutun, findet Ihr das Werk hier.

Ride Safe!

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