Berlin Music Ride 2017


Techno Radtour Berlin

Am 05. März haben wir im Rahmen der Berliner Fahrradschau (BFS) gemeinsam mit Klara Geist den zweiten Berlin Music Ride veranstaltet. Nachdem wir 2015 mit vielleicht 150 Leuten durch 80 Jahre Berliner Musikgeschichte geradelt sind, stand diesmal Berlins Historie als Hauptstadt elektronischer Tanzmusik auf dem Programm. Eigentlich war das schon für das vergangene Jahr angedacht, aber da ist uns die Veranstaltung ein bisschen um die Ohren geflogen. Damit uns das nicht erneut passiert haben wir das ganze etwas kleiner aufgezogen. Neben geladenen Gästen wie Blogger und Agenturvertretern, hat die BFS 80 Tickets an interessierte Radler verteilt.

Soundbike fährt vom Gelände der Berliner Fahrradschau

Willi und Fanny von Klara Geist beim Start des Berlin Music Ride

Für mich war die Veranstaltung aus zweierlei Gründen schon im Vorfeld etwas besonderes. Zum einen habe ich noch nie mit einem Mikrophon gesprochen, zum anderen geht es auch um einen Teil meiner eigenen Geschichte. Als Jahrgang 74 war ich zwar ein kleines bisschen zu jung, um nach der Wende direkt richtig mitzumischen, aber ab 1991 habe auch ich mich voll in Berlins Clubleben gestürzt und diese wirklich außergewöhnliche Situation in Berlin nach der Wende mit allen Sinnen aufgesogen. Die Recherche war einerseits etwas schwierig, weil das zugängliche Material wie Bücher und Dokumentationen hauptsächlich anekdotisch geprägt ist, andererseits sind mir fast im Minutentakt Besonder- und Begebenheiten aus dieser Zeit eingefallen.

Am Tag unserer musikalischen Radtour treffe ich die Kollegen von Klara Geist auf dem Hof der Messe. Mitgebracht haben Fanny und Willi Ihre BigOne, eine akkubetriebene PA, die auf einem Lastenrad montiert ist und qualitätsmäßig so gar nichts mit den Bastelprojekten gemein hat, die normalerweise auf der Critical Mass und anderswo die Beschallung übernehmen. Schnell klebe ich mir noch ein Pappschild mit dem Hashtag #BerlinMusicRide an meinen Fahrradkorb und verteile ein paar Freigetränk-Coupons an ausgewählte Gäste. Sven hat seine Kühlschrank-Rikscha mitgebracht, damit niemand unterwegs verdurstet. Kurze Rücksprache mit unseren Ordnern, die ausgestattet mit orangefarbenen Westen dafür sorgen, dass unterwegs nichts passiert und ggf. Autofahrer beruhigen können und dann widme ich mich wieder meiner Nervosität.

Radfahrer bei gemeinsamer Fahrradtour mit Warnwesten

Guide Sascha und Ordner beim Berlin Music Ride

Techno City Berlin

Natürlich kommen nicht alle und manchen dauert es zu lang bis es losgeht, so dass wir schließlich vielleicht 50-60 Leute versammeln, die nach kurzer Sicherheitseinweisung zu einem Set ganz früher Breakbeats (’84-87) aufbrechen. Im großen Bogen fahren wir um den Park am Gleisdreieck herum. Das erste Highlight für uns ist die Fahrt unter den Yorckbrücken durch. Als einzelner Radler ist das eine ziemlich beschissene Strecke aber im Tross nimmt man sich einfach die komplette rechte Spur und genießt den Blick. Ohnehin finde ich kaum etwas toller, als mit einer großen Gruppe und Musik durch die Stadt zu radeln, Wenn dann aber der Sound von den Brücken zurückschallt und die ersten Leute anerkennend winken, ist wirklich alles in Ordnung.

Teilnehmer der Techno Radtour Berlin Music Ride mit Guide

Teilnehmer lauschen beim 1. Stopp des Berlin Music Ride 2017

Unweit des im letzten Jahr endgültig abgerissenen 90° (eine der ersten After Hours Berlins) machen wir unseren ersten Stop und ich schnapp mir trotz Nervosität das Mikrophon. Ich erzähle ein bisschen über die besondere Situation in Berlin – keine Sperrstunde, Leerstand, Nachholbedarf im Osten und allgemeines Wild-West-Feeling, erste Clubs – und schon nach kurzer Zeit genieße ich einfach in vollen Zügen. Man hört mir zu, es wird gelacht und entweder wissend genickt oder ein wenig überrascht geschaut. Während der ganzen Zeit wuselt ein Team von n-tv um uns herum, aber auch das belastet nicht mehr. Mittlerweile läuft ein echtes Technoset von Wolle XDP.

Vorbei an Neuer Nationalgalerie und Philharmonie steuern wir den Potsdamer Platz an. Nächster Haltepunkt ist neben der alten Verkehrsampel und ich erschreck mich erstmal gehörig als ich die Wanne direkt auf dem Platz stehen sehe. Schließlich ist unsere Fahrradtour mit Musikbegleitung nicht illegal aber Ärger kann es bei Beschallung immer geben. Aber was soll ich sagen…. wir sind in Berlin. Die Kollegen von der Rennleitung machen sich während der Viertelstunde die wir vor Ort sind, nicht mal die Mühe aus ihrem Bus zu krabbeln. Kurz geht die Seitenscheibe ein Stück runter, aber auch gleich wieder hoch. In diesem Moment liebe ich meine Stadt und möchte jedem entspannten Berliner Polizisten sein persönliches Denkmal setzen. Thematisch geht es um legendäre Clubs wie Tresor und E-Werk, die in unmittelbarer Nachbarschaft lagen und um die musikalischen Wurzeln von Techno und House. Die sind erstaunlich vielfältig und irgendwie auch ganz anders als vermutet. Der Begriff Techno taucht übrigens das erste Mal auf einer Scheibe von Juan Atkins auf – Techno City, gemeint war damit allerdings Detroit. Viele der prägenden DJs und Produzenten aus dem Detroit der späten 80-er Jahre sagen heute, dass erst in Berlin Ihre Musik die Räume und das Umfeld fanden, um sich wirklich zu entfalten.

Radfahrer bei einer Radtour am Potsdamer Platz

Am Potsdamer Platz wuselt nicht nur das Kamerateam von n-tv um uns herum, sondern die Polizei steht auch friedlich Wache – Besten Dank an die Rennleitung.

Durchs alte Zeitungsviertel führt unsere Route uns zu unserem Endpunkt an der Köpenicker Straße, vorbei an legendären Locations wie dem Walfisch und dem Planet. Am Spreebalkon bauen wir uns für eine letzte kurze Session auf und widmen uns dem Ende der Unschuld und der Kommerzialisierung. Weil wir natürlich auch die Schattenseiten des Genres nicht unterschlagen wollen, läuft kurz Marushas „Somewhere over the Rainbow“. Eigentlich wollte ich ja Blümchen als typisches Beispiel für das, was wir damals Deppentechno nannten, spielen. Da haben Fanny und Willi allerdings ihr Veto eingelegt. Ob das aus Angst um die Technik oder der eigenen Ohren geschah, vermag ich nicht zu sagen.

Teilnehmer einer Radtour mit Lastenrädern und Soundbike gegenüber der EastsideGallery und Living Bauhaus.

Letzter kurzer Vortrag beim Berlin Music Ride auf dem Spreebalkon

Nach ungefähr 2 Stunden verabschieden wir uns langsam voneinander, plündern Svens Bier-Rikscha noch ein bisschen und freuen uns auf die nächste Ausgabe. Demnächst können wir Euch hoffentlich dank der Kollegen von n-tv auch Bewegtbilder zeigen. Und aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir das ganze im Spätsommer noch mal wiederholen.

Ride Safe, Shut Up and Dance (Frei nach Monika Dietl)

Zum Nachhören – die Musik zur Techno Radtour Berlin:

Gaya Kloud – In the mix, early Breakbeats & Techno

Raving, I’m Raving

Wolle XDP Tekkno-Classics 1988-91

Monika Dietl auf SFBeat – Hardbeats. Radiosendung von Januar 1988

Gaya Kloud – In the mix, Techno- und House-Classics 

Frankie Knuckles – Your Love

Juan Atkins – Techno City

DJ T. – Rave Classics 1988-92, Set vom Tekknozid in der Grießmühle 2016

Wenn Ihr immer noch nicht genug habt, sind hier mal ein paar schöne Dokumentationen, die ich im Rahmen meiner Recherche mit großem Genuss und ein klein wenig Wehmut genossen habe:

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