Heldenverehrung in Neukölln


Nazi-Erbe wird Kulturgarten

Für Stadtführer ist es immer toll, wenn man  tatsächlich mal Dinge und Orte wahrnimmt, die man noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Das aktuelle Fundstück liegt etwas versteckt,  gleich hinter der katholischen Basilika in der Lilienthalstraße (Google Maps). Eine Ecke die meist abseits unserer Routen liegt. Gelegentlich führt mal eine Oasen– oder West-Berlin-Tour in die Gegend, insgesamt aber ist hier touristisch wenig los, zumal kaum jemand die Anlage kennt – im Lonely Planet steht das Gefallenendenkmal jedenfalls nicht.

 

Am Eingang des ehemaligen Standortfriedhofs Neukölln wird man  von einem Säulenportal empfangen, der den Blick auf ein ziemlich massives Mausoleum, die Feierhalle, freigibt, quasi ein Tempel des Vaterlandes. Wirklich viel Fantasie braucht man nicht, um diesen monolithischen Klotz der Nazizeit zuzuordnen und sich das Ganze von Fackelschein erhellt vorzustellen. Den Weg zur Halle säumen Gedenksteine und der Halle vorgelagert ist eine Krypta. Bis 2004 war hier ein silberner Eichenkranz platziert, der wohl ursprünglich die Neue Wache in Mitte zierte und mittlerweile im DHM ausgestellt wird, in der Krypta wohnt jetzt die „sorgende Frau“ des Bildhauers Fritz Cremer.

 

Errichtet ab 1936 von dem Architekten Wilhelm Büning, Schöpfer des Unesco-Weltkulturerbes „Weiße Siedlung“ sollte die Anlage die zentrale Gedenkstätte der Nationalsozialisten für die im ersten Weltkrieg Gefallenen darstellen. Beauftragt wurde Büning vom „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt“ Albert Speer, der hier einen quasi religiösen Ort für die zutiefst weltliche Verehrung der gefallenen Helden kreieren wollte. Hier wurde einer Armee, die nach dem eigenen Selbstverständnis „im Felde unbesiegt“ war, ein Schrein errichtet und so sieht das Ding auch aus.

 

Später wurden auf dem Friedhof auch Gefallene des Zweiten Weltkriegs sowie gut 6.000 zivile Opfer des Bombenkriegs beerdigt. Mit Ende des Krieges wird die Geschichte langsam etwas schräg. Von Bomben verschont, haben offensichtlich auch die Alliierten kein Problem mit der martialischen Formensprache und der Entstehungsgeschichte.

 

Im Jahr 1965 schließlich wird die Anlage vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge umgebaut und ergänzt. Von 1966 bis 1993 fanden hier vor schönster Nazi-Kulisse die zentralen Gedenkveranstaltungen für die Opfer der beiden Weltkriege statt, inklusive Fackelzug und am gleichen Tag, an dem schon die Nazis gefeiert haben. Das Ganze nennt sich dann Volkstrauertag und fand am gleichen Tag statt wie der Heldentag der Vorkriegszeit. Mit der Schaffung der Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in der Neuen Wache hat sich ein Großteil der „Festivitäten“ verlagert. Aber bis heute legen Senat, Bundeswehr, Polizei und diverse andere öffentliche Stellen hier alljährlich Kränze nieder.

 

Die Halle selbst ist groß, düster, kantig und die Stirnseite ziert – wie solls auch anders sein – ein riesiger Adler und man ist angesichts der Architektur fast ein bißchen überrascht, dass der kein Hakenkreuz in den Klauen hat. Tageslicht kommt nur durch schmale Schlitze an der Decke, dafür wird der ganze Raum in wechselndes Licht getaucht. Von Blutrot über kühles Blau bis schimmernd weiß changiert die Beleuchtung. Eigentliche Lichtquelle ist ein gläserner, bemalter Sarg direkt vor dem Altar.

 

Spätestens jetzt wird klar, dass das hier was Besonderes ist. Seit 2011 nämlich wird das Gelände von einer Vereinigung polnischer Unternehmer namens Nike e.V. verwaltet und im Sinne der Kunst umgestaltet Mittlerweile hängt ein Schild am Eingang, das auf den „Lilienthalkulturgarten“ hinweist, während die Anlage bis vor kurzem beinahe verschämt ignoriert wurde. Den Verein gibt es bereits seit 2001 und widmet sich der Völkerverständigung zwischen Deutschen und Polen, sowie der Realisierung verschiedener Projekte in Wirtschaft und Kultur. Der Standort scheint clever gewählt zu sein, in der benachbarten Basilika feiern viele polnisch-stämmige Katholiken, Messe, Hochzeit und Kommunion, direkt gegenüber gibt es schon ein polnisches Café. Darüber hinaus schienen Stadt und Bezirk froh zu sein, dass hier jetzt endlich was passiert.

Ich würde mir wünschen diesen Ort etwas mehr ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken und mit Leben zu füllen, so lange dabei die Auseinandersetzung mit dem ästhetischen Erbe der Nazis nicht auf der Strecke bleibt.

Und wenn Ihr schon in der Gegend seid, schaut Euch auch gleich mal die Statue für die Gefallenen Luftschiffer auf dem Gelände der Basilika an.

 

 

 

 

[Update] vom 17.11.2013

Wie Ihr seht, werden hier immer noch Kränze niedergelegt 

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 [Update] vom 18.11.2013

Hier noch ein paar Links:

 http://www.volksbund.de/

http://de.wikipedia.org/wiki/Volkstrauertag

http://de.wikipedia.org/wiki/Eisernes_Kreuz

http://www.ikg-m.de/volkstrauertag-2013/