Eine Winter-Wanderung auf dem Mauerweg


Eine Winter-Wanderung auf dem Mauerweg von Zehlendorf bis Potsdam-Griebnitzsee

Heute geht es mal nicht mit unserem bevorzugten Verkehrsmittel dem Fahrrad auf Tour, das liegt vor allem an den eingeschneiten Straßen. Wir wollten euch trotzdem an dieser Wanderung teilhaben lassen, da wir uns auf einen Weg begeben, der uns auf die Spuren eines unserer wichtigsten Themen führt, der Berliner Mauer. Und wir wollten euch natürlich auch unsere zahlreichen Schnee-Bilder nicht vorenthalten. Erstaunlicherweise haben wir dem Mauerweg selbst bisher nur einen Artikel gewidmet, auch wenn wir uns natürlich auf unseren innerstädtischen Mauertouren viel auf diesem bewegen und das Thema Berliner Mauer ein Schwerpunkt dieses Blogs ist.

Der Berliner Mauerweg folgt dem ehemaligen Verlauf der DDR-Grenzanlagen um West-Berlin auf ca. 160 Kilometern. Die Route folgt zumeist dem sogenannten Kolonnenweg, auf dem die DDR-Grenzer patrouillierten bzw. dem Zollweg auf West-Berliner Gebiet für die West-Beamten. Es gibt sowohl Mauerreste und -spuren als auch Infostelen, die an die Teilung Deutschlands und an die Mauertoten erinnern. Der Weg ist zumeist gut ausgeschildert und eignet sich daher super für Radtouren und Spaziergänge. Wenn man mit dem Rad unterwegs ist, sollte man zur Navigation aber trotzdem besser ein Smartphone dabei haben.

Heute geht es auf den Mauerweg im Südwesten der Stadt, einfach weil wir diese Ecke noch nicht kennen. Wir starten am S-Bahnhof Zehlendorf, der liegt zwar nicht direkt an der ehemaligen Grenze aber von hier aus können wir vorbei am Museumsdorf Düppel dorthin laufen. Wer mehr Durchhaltevermögen hat, kann am S-Bahnhof Lichterfelde-Süd starten. Der Weg ist auf der berlin.de-Webseite in Etappen eingeteilt, die mit den Öffentlichen erreichbar sind: https://www.berlin.de/mauer/mauerweg/

Walter Kittel, erschossen am 18. Oktober 1965 bei einem Fluchtversuch am Außenring der Berliner Mauer zwischen Kleinmachnow und Berlin-Zehlendorf (Aufnahmedatum unbekannt, Quelle: chronik-der-mauer.de)

Walter Kittel, erschossen am 18. Oktober 1965 bei einem Fluchtversuch am Außenring der Berliner Mauer zwischen Kleinmachnow und Berlin-Zehlendorf (Aufnahmedatum unbekannt, Quelle: chronik-der-mauer.de)

Wir stoßen an der Grenze zwischen Zehlendorf und Kleinmachnow auf den ehemaligen Grenzstreifen. Am Adam-Kuckhoff-Platz erinnern Stelen an die Maueropfer Walter Kittel und Karl-Heinz-Kube. Die Geschichte des 22-jährigen Kittel ist besonders tragisch und bemerkenswert. Zusammen mit einem flüchtigen Bekannten und relativ spontan setzen die beiden am 17.10.1965 ihre lang gehegten Fluchtabsichten an einem Garten an der ehemaligen Stammbahn um. Kurz vor dem letzten Grenzzaun werden sie von Grenzsoldaten gestellt. Während sein Bekannter bereits angeschossen und schwer verletzt ist, begibt sich Kittel auf Anweisung des Kommandeurs des Grenzabschnitts aus der Deckung und wird von diesem aus 15 Metern Entfernung mit 30 Schüssen getötet. Für diese Tötung, die einer Hinrichtung gleichkommt und für die der Soldat in der DDR befördert wurde, wird der Schütze 1993 für Mord zu 10 Jahren Haft verurteilt. Das höchste Strafmaß, das je in einem Mauerschützenprozess verhängt wurde.

Gedenkstein für die Opfer der Teilung von 1999 im Todesstreifen  in Kleinmachnow

Gedenkstein für die Opfer der Teilung von 1999 im Todesstreifen in Kleinmachnow

Mauerrest bei Kleinmachnow

Mauerrest bei Kleinmachnow

Weiter geht es durch ein verschneites Birkenwäldchen zwischen Zehlendorf und Kleinmachnow. Der eigentliche Mauerweg folgt hier zwar nicht dem historischen Grenzverlauf, aber man kann ihm trotzdem auf einem Fußweg auf einer Nebenstrecke folgen. Die Gärten sind hier vielleicht grade mal 20 Meter voneinander entfernt. Kaum zu glauben, dass hier einmal eine Staatsgrenze entlang geführt haben soll. Eigentlich deutet nur das relativ junge Alter der Bäume darauf hin, dass sich hier einmal etwas anderes als ein beliebter Spazierweg befunden hat. Ein Protestschild an einem Garten weist daraufhin, dass hier noch wesentlich früher auch die Stammbahn zwischen Berlin und Potsdam, die erste Bahnstrecke Preußens von 1848, verlief, um deren Wiederaufbau schon lange gestritten wird.  

Ehemaliger Grenzstreifen zwischen Kleinmachnow und Zehlendorf

Ehemaliger Grenzstreifen zwischen Kleinmachnow und Zehlendorf

Von weitem hören wir schon das nächste “Highlight” unserer Tour. Es geht auf die Autobahn zu. Vor mir liegt die Königswegbrücke über die A115, von hier aus hat man einen guten Blick auf den ehemaligen Grenzübergang. Im Norden liegen die Reste des Kontrollpunkts Dreilinden (West-Berlin), dessen charakteristische rosa Gebäude viele wahrscheinlich vom Vorbeifahren kennen. Im Süden der Brücke befand sich die “Grenzübergangsstelle” Drewitz (DDR). West-Berlin konnte man mit dem Auto aus der Bundesrepublik nur über sogenannte Transit-Strecken erreichen, Drewitz war der am häufigsten genutzte Grenzübergang. Hier mussten Transit-Reisende oft stundenlang warten. Als kleiner DDR-Bürger bin ich hier natürlich nie hingekommen. Historische Fotos auf den Infostelen zeigen wie es hier früher ausgesehen hat.

Grenzkontrollen am Grenzübergang Drewitz (Von Bundesarchiv, Bild 183-L0331-0005 / Reiche, Hartmut)

Grenzkontrollen am Grenzübergang Drewitz (Von Bundesarchiv, Bild 183-L0331-0005 / Reiche, Hartmut)

Ehemaliger Grenzpunkt Dreilinden von der Königswegbrücke aus

Ehemaliger Grenzübergang Dreilinden von der Königswegbrücke aus gesehen

Der Grenzübergang Dreilinden wurde gleichzeitig auch als einer von drei Übergängen von den US-Alliierten genutzt und als Checkpoint Bravo bekannt (daneben gab es noch Checkpoint Alpha in Helmstedt-Marienborn und natürlich noch den Checkpoint Charlie in Berlin). Noch interessant und mir bisher unbekannt, die denkmalgeschützte Anlage von Dreilinden stammt vom Architekten Reinhard G. Rümmler, der von den 60ern bis Mitte der 90er auch fast alle neuen West-Berliner U-Bahnhöfe gestaltet hat, so z. B. den wunderbar bunten U-Bahnhof Paulsternstraße, den ihr auch in unserem Artikel über die schönsten Berliner U-Bahnhöfe findet. 

Der Weg führt von der Brücke aus immer schnurgerade durch den Wald. Eher der Neugier als Wissen folgend mache ich aber einen Abstecher. Wenn man einen “Umweg” von 10 Minuten in Kauf nimmt, gelangt man nach links abbiegend zum früheren Kommandantenturm des Grenzübergangs Drewitz auf dem Gelände des Europaparc Dreilinden. Der Turm ist im Moment natürlich geschlossen, aber es gibt eine kleine Außenausstellung. 

Ehemaliger Kommandantenturm an der Grenzübergangsstelle Drewitz

Ehemaliger Kommandantenturm an der Grenzübergangsstelle Drewitz – heute Gedenkstätte Checkpoint Bravo

Auf dem Weg komme ich auch an der Stele vorbei, die an das Maueropfer Holger H. erinnert. Auch dies eine sehr traurige Geschichte. Die 20-jährige Ingrid H. und der 23-jährige Klaus H. entschließen sich zur gemeinsamen Flucht, nachdem Klaus nach einem gescheiterten Fluchtversuch bereits als “Republikflüchtling” gebrandmarkt ist und keine Zukunft in der DDR für sich sieht. Mit dabei ist ihr 15 Monate alter Sohn Holger. Im Lastwagen eines West-Berliner Bekannten wollen sie in Kisten versteckt den Grenzübergang Drewitz passieren. Doch die Kontrolle dauert länger als üblich und das Kind fängt an zu weinen. Vor Panik entdeckt zu werden, hält ihm Ingrid den Mund zu. Es hat eine Bronchitis und Mittelohrentzündung und die Mutter ahnt nicht, dass das Kind nicht durch die Nase atmen kann. Sie bleiben unentdeckt und die Flucht gelingt. Am Kontrollpunkt Dreilinden stellen sie und die Beamten jedoch fest, dass das Kind nicht mehr atmet und nicht mehr wiederbelebt werden kann.

Kurz bevor ich wieder auf den Mauerweg gelange, kreuze ich einen anderen Weg, der in einer Senke verläuft. Erst in der Nachrecherche erfahre ich, dass hier früher mal die A 115 verlief. Der West-Berliner Grenzkontrollpunkt befand sich nämlich vor 1969 weiter südlich bei Albrechts Teerofen. Da die Autobahn von dort aus ohne weitere Kontrollpunkte weiter über DDR-Gebiet führte (dem verwinkelten Grenzverlauf geschuldet), bis sie die West-Berliner Stadtgrenze wieder bei der Königswegbrücke erreichte, verlegte die DDR die Autobahn 1969 kurzerhand und eröffnete den neuen Grenzübergang Drewitz.

Skiläufer auf dem Mauerweg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der weitere Weg führt durch den verschneiten Wald und hier wäre ich mit Skiern besser unterwegs, auf der Strecke begegnen mir nämlich mehr Ski-Langläufer als Fußgänger. Aber auch so ist der Weg herrlich. Ein weitere Brücke im Wald gibt den Blick auf zugewachsene Bahngleise frei. Hier verlief seit 1913 die sogenannte Friedhofsbahn. Durch das rapide Bevölkerungswachstum während der Industrialisierung reichten die Friedhöfe in Berlin nicht mehr aus und es wurden Großfriedhöfe außerhalb der Stadt angelegt. Einen davon den Südwestfriedhof Stahnsdorf band die Friedhofsbahn an den Bahnhof Wannsee und damit die Stadt an, hier waren sowohl Trauernde als auch Leichen unterwegs. Mit dem Mauerbau 1961 wurde die Strecke stillgelegt. Wer dem Gruselfaktor weiter frönen möchte, ist hier ebenfalls richtig, die Brücke und Gleise wurden nämlich für die deutsche Mystery-Serie “Dark” als Drehort genutzt.

Gleisreste der ehemaligen Friedhofsbahn im Düppeler Forst

Gleisreste der ehemaligen Friedhofsbahn im Düppeler Forst

Der Mauerweg folgt hier wie schon angedeutet nicht dem verwinkelten historischen Verlauf. Der Weg führt über die Nathanbrücke über den Teltowkanal und nach einigen Abzweigungen im Ortsteil Kohlhasenbrück auf den ehemaligen Mauerverlauf. Hier gibt es einige Info-Stelen zu den umliegenden Ortsteilen Albrechts Teerofen und Steinstücken. Ersterer ragte wie eine Halbinsel in die DDR hinein, hier befand sich wie schon beschrieben vor 1969 der alte West-Berliner Grenzkontrollpunkt Dreilinden. Steinstücken war ein Teil des amerikanischen Sektor, der komplett auf dem Gebiet der DDR lag. Ab 1952 wurde die Exklave mit 200 Einwohnern nach und nach abgeriegelt, später konnten Besucher und Handwerker nur nach Anmeldung einreisen. Die Lage der Bewohner änderte sich erst ab 1972 mit dem Vier-Mächte-Abkommen als mit einem Gebietsaustausch ein Korridor mit einer 1-Kilometer-langen Straße zum Ortsteil Kohlhasenbrück an West-Berlin fiel. Ich mache hier aber keinen weiteren Abstecher und folge dem Weg weiter.

Nathanbrücke über den Teltowkanal

Blick von der Nathanbrücke über den Teltowkanal

Beschilderung Mauerweg in Kohlhasenbrück Privates Mauerdenkmal in Vorgarten in Kohlhasenbrück

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An der Stubenrauchstraße weiche ich erneut kurz vom Mauerweg ab, um mir den tatsächlichen Grenzverlauf anzusehen. Hier verliefen die Grenzanlagen direkt am südlichen Ufer des Griebnitzsees. Am Wasser befindet sich ein kleiner Mauerrest und eine Gedenktafel für Menschen, die in dieser Gegend dem Grenzregime zum Opfer fielen. Man kann hier nur ein Stück am See entlang spazieren, da der Weg an Grundstücken enden, die bis zum See hinunter reichen. Seit Jahren tobt hier ein Streit zwischen Hausbesitzern und der Stadt Potsdam, die den durchgehenden Uferweg wiederherstellen will. Ich mache also kehrt und laufe bis zu meiner heutigen Endstation dem S-Bahnhof Griebnitzsee. Der Mauerweg führt hier weiter zu interessanten Stationen wie der berühmten Glienicker Brücke. Für mich ist hier aber hier für heute Schluss. 

Fazit: Schöne Strecke für eine Wanderung für historisch Interessierte. Bei Interesse an einer Mauertour mit dem Rad meldet Euch einfach über unser Kontaktformular, wir stellen Euch eine schöne Radtour zusammen.

 

Mauerrest und Gedenkkreuz für Maueropfer am Griebnitzsee

Mauerrest und Gedenkkreuz für Maueropfer am Griebnitzsee

Griebnitzsee
Kunstwerk am Griebnitzsee

Kunstwerk „Altar der Nationen“ von Oksana Mas, aus 340 000 Holzeiern bestehend, die von Menschen aus 42 Ländern bemalt wurden.

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