26. April: Erich Honecker zur Lage in Ungarn


Bundesarchiv, Bild 183-R0518-182 / CC-BY-SA

Bundesarchiv, Bild 183-R0518-182 / CC-BY-SA

Nur wenige Tage vor der Öffnung der grünen Grenze zwischen Ungarn und Österreich, äußert sich der Vorsitzende des Zentralkomitees der SED zur Lage in Ungarn. In einer Sprache, die seltsam aus der Zeit gefallen scheint, schildert er lang und breit die Schwierigkeiten der ungarischen Staats- und Parteiführung, ohne dabei freilich darauf einzugehen, dass seiner Partei gerade ein ganz ähnlicher Kontrollverlust droht. Das ganze Schriftstück liest sich ziemlich hilflos, wenn Honecker sich in kruden Rechnungen verliert, z.B.  über die künftige Entwicklung der Parteimitgliedschaften oder geplante Quoten zur Verteilung der Parlamentssitze.

Als kleine Kostprobe für den doch ziemlich offensichtlichen Realitätsverkust des Mannes sei hier nur mal ein Absatz zitiert. Den vollständigen Text des Schreibens als PDF findet Ihr hier:

„Liebe Genossen!
Die Ausführungen des Generalsekretärs der USAP lassen erkennen, daß die ungarische Partei-führung offensichtlich nicht über den Willen verfügt, die politische Macht zu verteidigen. Der Prozeß einer spürbaren Erosion sozialistischer Machtverhältnisse, Errungenschaften und Werte hat sich beschleunigt und alle gesellschaftlichen Gebiete ergriffen. Ökonomische und soziale Schwie-rigkeiten nehmen zu. Uneinigkeit, Spaltungserscheinungen sowie politisch-ideologische Verwirrung von der Spitze bis hin zur Basis untergraben zusehends die Kampfkraft der Partei.
Kräfte, die zum politischen Kurs der USAP in Opposition stehen und offen antisozialistische Positionen beziehen, haben sich organisatorisch formiert. Sie zwingen in wichtigen Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung der USAP zunehmend das Gesetz des Handelns auf. Das Vertrauens-verhältnis von Partei und Volk ist weitgehend gestört.“

Das eigene Land beginnt grad auseiander zu fallen und Erich sorgt sich um die Durchsetzungsfähigkeit der sozialistischen Bruderpartei in Ungarn. Irgendwie verfestigt sich immer mehr der Eindruck das der Mann wirklich nicht mehr all zu viel mitbekommen hat und sich in eine rosarote, klassenkämpferische Traumwelt zurück zog. Das funktioniert natürlich auch nur dann, wenn die lieben Kollegen der Meinung sind, dass der Chef die Wahrheit nicht verträgt….

Fluchten im April

Im April ist insgeamt knapp 6.000 (5.887) DDR-Bürgern die Flucht in den Westen gelungen, fast ebenso Vielen, nämlich 4.996 ist die Ausreise genehmigt worden. Einer der spaktakulärsten Fluchtversuche ereignete sich ebenfalls am 26. April als ein junger Mann Glienicke im Norden Berlins versucht, die Sperranlagen mit einem LKW zu durchbrechen und dann im losen Sand stecken bleibt. Der 21jährige wird festgenommen und noch im Sommer 1989 zu 3,5 Jahren Haft verurteilt. Besonders perfide; die Schäden an den Grenzanlagen i.H,v, rund 12.000 Mark wurden dem Flüchtenden ebenfalls in Rechnung gestellt. Ich wäre ja schon neugierig zu erfahren, ob der finanzielle Teil der Strafe dann noch tatsächlich geleistet wurde. Es wäre ein ziemlich Witz, wenn da noch Geld geflossen wäre.

 

 

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